"Altruismus ist genetisch verankert"

Ist Altruismus ist nicht erlernt, sondern angeboren? Anhand aktueller wissenschaftlicher Ergebnisse zeigen Sylvie Gilman und Thierry de Lestrade (Fasten und Heilen, Männer vom Aussterben bedroht), die menschliche Seite der Evolution. Interview.

Wie schon an andere Themen gehen Sie auch an den Altruismus mit einem wissenschaftlichen Ansatz heran ...
Sylvie Gilman : Als unser Produzent, Jean-Pierre Devorsine, uns ein Treffen mit dem buddhistischen Mönch und gelernten Biologen Matthieu Ricard vorschlug, der gerade an seinem Buch zu diesem Thema* arbeitete, nahmen wir das mit gemischten Gefühlen auf. Wie kann man angesichts der aktuellen Zustände in der Welt über Altruismus sprechen? Gibt es keine dringenderen Fragen, die man als Regisseur angehen sollte? Wird man uns nicht einfach nur ein müdes Lächeln schenken? Dann haben wir allerdings festgestellt, dass Matthieu Ricard nicht aus moralischer oder religiöser Perspektive an das Thema herangeht, sondern dass der Wissenschaftler in ihm ihn dazu bewegt hat, das Thema sehr sachlich zu behandeln. Und genau diesen Ansatz verfolgen wir ja auch. Wir hinterfragen die Gesellschaft aus einer wissenschaftlichen Perspektive. Und unsere Nachforschungen haben ergeben, dass seit rund 20 Jahren viele innovative Studien rund um das Thema Altruismus durchgeführt wurden.
Thierry de Lestrade : Sei es in Yale, Harvard oder am Max-Planck-Institut, überall kommen namhafte Wissenschaftler zum gleichen Schluss: Die von den Verfechtern Darwins immer wieder gepredigte natürliche Selektion ist nicht die einzige Triebkraft der Evolution. Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung sind ebenso Teil des menschlichen Wesens, ohne sie hätte die Menschheit nicht überlebt. Der Altruismus ist genetisch verankert. Im ersten Teil des Films gehen wir auf die zahlreichen Studien ein, die allesamt in diese Richtung weisen. Und anschließend analysieren wir mithilfe von Neurowissenschaftlern wie Richard Davidson, der eng mit Matthieu Ricard zusammenarbeitet, wie wir das Beste aus diesem Erbe machen können. Denn genau das ist ja das Gebot der Stunde.

Würden Sie die Theorien als revolutionär bezeichnen?
T. de L. : Auf jeden Fall gehen sie genau in die entgegengesetzte Richtung der vorherrschenden Meinung. Bisher heißt es ja, die Evolution sei ein Kampf, den nur die Stärksten überleben. Und auch Unternehmen und ganze Länder werden unter diesen erbitterten Wettbewerb subsumiert.
S. G. : Diese Sichtweise, dass die Menschheit von einem universellen Egoismus angetrieben wird, ist in den Medien immer und überall präsent und wird dadurch zu einer Art selbsterfüllenden Prophezeiung. Im Fall von Katastrophen wie dem Hurrikan Katrina waren beispielsweise weltweit in den Nachrichten immer und immer wieder Bilder von Plünderungen zu sehen. Wissenschaftler vom Zentrum für Katastrophenforschung Delaware haben hingegen belegt, dass es sich um wenige Einzelfälle handelte und dass ganz im Gegenteil Solidarität und gegenseitige Unterstützung an der Tagesordnung waren.

In Journalistenkreisen weiß man, dass positive Gefühle keine guten Schlagzeilen machen ...
T. de L. : Sie haben Recht, aus dramaturgischer Sicht ist es leichter auf Missstände hinzuweisen, als etwas Positives zu vermitteln. Auf der anderen Seite ist es auch sehr erfüllend, überkommene Theorien auf den Prüfstand zu stellen und dabei gleichzeitig etwas zu vermitteln, was einen wirklich begeistert.
S. G. : Auch wir haben uns lange mit dem Altruismus beschäftigt, bevor wir diesen Schlussfolgerungen zuzustimmen konnten, denn Optimismus begegnet man im Kreis der Wissenschaft stets mit Vorsicht. Wir hoffen, dass wir zeigen konnten, wie überzeugend und auch vielversprechend diese Ideen sind.

Glauben Sie, dass wir bald in einer altruistischen Welt leben werden oder ist das reine Theorie?
S. G. : Der Altruismus muss erst noch gehegt und gepflegt werden, bevor sich die Welt wirklich ändert. Die Neurowissenschaft zeigt allerdings, dass wir uns wandeln können. Wissenschaftler haben festgestellt, dass das Gehirn von Menschen, die meditieren, und sei es auch nur sehr kurz, verstärkt auf die Bedürfnisse anderer reagiert. Ihre Hypothese besagt, dass diese Veränderungen einzelner Personen sich direkt auf deren Umgebung auswirken und somit eine altruistische Kettenreaktion in Gang setzen. Das scheint zu schön, um wahr zu sein. Aber eine von diesen Neurowissenschaftlern angeleitete Gruppenmeditation beim Weltwirtschaftsforum in Davos, die wir freundlicherweise filmen durften, gibt Anlass zur Hoffnung.
T. de L. : Diese neuen Erkenntnisse wirken sich auch auf andere Bereiche auf, insbesondere auf die Bildung. In unserem Film wollten wir zeigen, dass man sich angesichts der Brutalität der Welt nicht dem Gefühl der Machtlosigkeit geschlagen geben muss, sondern etwas tun kann. Aber es wird auch deutlich, welch große Hindernisse es gerade bei der Hilfsbereitschaft gibt. Schon bei Kleinkindern beschränkt sich diese auf Personen, die das Kind als ihm ähnlich wahrnimmt. Man muss also diesen Herdentrieb bekämpfen, der bei Erwachsenen jegliche Empathie gegenüber Menschen zerstört, die er nicht als „seiner Gruppe“ zugehörig wahrnimmt.

Hat der Film Sie verändert?
T. de L. : Ja, ebenso wie all unsere bisherigen Filme übrigens! Sylvie meditiert seitdem jeden Tag und ich ... ich versuche es zumindest.

*Vers une société altruiste, unter Mitwirkung des Dalai Lama, Éditions Allary 2015, in Zusammenarbeit mit Tania Singer verfasst, die ebenfalls im Film zu sehen ist.