Carl Djerassi: "In Zukunft gibt es nur noch erwünschte Kinder"

Er erfand die Antibabypille - Carl Djerassi (91) ist seit über fünfzig Jahren als Professor für organische Chemie an der Stanford University tätig. Heute glaubt er, dass junge Männer und Frauen ihre Eizellen und Spermien einfrieren werden, um sich anschließend sterilisieren zu lassen. Seine Erfindung wäre dann überflüssig - und alle Kinder erwünscht.

ARTE: Nur in Deutschland und Großbritannien spricht man von „Social Freezing“, in den USA schlicht von Egg Freezing. Warum das Beiwort „social“?

Carl Djerassi: Damit will man zu zeigen, dass man cool und sophisticated ist, aber auch kritisch gegenüber allem, was aus Amerika kommt. Meiner Meinung nach beleidigt es die Frauen. Für sie ist die Reproduktion das Privateste. Sie alleine sollen entscheiden, ob und wann sie schwanger werden. So ist es bereits seit über dreißig Jahren. Nur weil es seit Kurzem möglich ist, junge unbefruchtete Eizellen einzufrieren, entscheiden sich die Frauen nicht automatisch, in männerdominierte Berufe zu gehen. 

Neu ist aber, dass Unternehmen Aufgaben des Staates übernehmen und sich „sozial“ zeigen…

Es sind momentan nur zwei Unternehmen: Facebook und Apple. Dass man das kritisiert, finde ich lächerlich. Es sei eine Art Erpressung, so wird argumentiert und zudem höchst illegal. Silicon Valley wird seit langem für seine Machokultur kritisiert. Ich halte es für eine  intelligente PR-Antwort, wenn die Unternehmen etwas für die Frauen tun wollen. Ich hoffe, dass auch andere Firmen auf diesen Zug aufspringen. Es sollte ein fundamentales soziales Recht sein, so wie die medizinische Versicherung. 

Im Nachhinein waren die 1960er Jahre für die Einführung der Pille ein günstiges Zeitfenster. Gilt dasselbe heute für "Social Freezing"?

Sie haben ganz Recht. Man sagt, dass eine fundamental neue Technologie neue gesellschaftliche Veränderungen mit sich bringt. Bei Computern und Smartphones stimmt das, aber in der Reproduktionsmedizin ist es teilweise sogar umgekehrt. Die 1960er Jahre waren gesellschaftlich unglaublich wichtige Jahre, was anfangs nicht direkt mit der Pille zusammenhing. Man braucht sich nur die Hippie-, Drogen- und Rock’n’Roll- Musik- Kultur und insbesondere die Anfänge der feministischen Bewegung anzusehen. Diese Phänomene haben die sexuelle Freiheit und Liberalität publik gemacht - zu einer Zeit, in der Abtreibung noch illegal war. Wenn wir dasselbe fünf Jahre später gemacht hätten, hätten wir heute keine Pille. Nach 1970 haben sich die großen Pharmafirmen für ganz andere Probleme interessiert: die Heilung von Krebs, Alzheimer oder Diabetes usw.

Warum ist das Einfrieren von jungen Eizellen heute denkbar und gewünscht?

Mehr und mehr Frauen gehen in männerdominierte Gebiete. Deutschland wird bald ein Gesetz einführen, das in jedem Firmenvorstand einen Frauenanteil von 30 % verpflichtend macht. Die Welt ist aufgewacht und hat verstanden, dass Frauen dieselben Rechte haben wie Männer. In den USA und in Deutschland studieren heute mehr Frauen als Männer. Dass sie nicht sofort ein Kind haben wollen, ist für viele selbstverständlich. Und viele dieser jungen Frauen wollen keine Kinder, auch wenn sie es biologisch könnten. Nicht Apple oder Facebook gibt ihnen jetzt die Möglichkeit, sondern die Medizin. Ich verstehe übrigens nicht, warum man nur von Eizellen spricht. Die Gründe sind ja bei Spermien genau dieselben. Eine Studie hat gezeigt, dass Kinder von über 50 Jahre alten Vätern deutlich häufiger autistische und andere psychologische Probleme hatten. 

Laut Statistischem Bundesamt wird Europa bis 2050 deutlich geburtenfreudiger. Werden wir das dem "Social Freezing" zu verdanken haben?

Ich glaube nicht, dass das Einfrieren in den nächsten zwanzig Jahren demografische Effekte haben wird. Viel wichtiger ist: Die gut ausgebildeten Frauen werden Pioniere sein und zeigen, dass man Sex und Reproduktion trennen kann. Die Hälfte aller Befruchtungen sind ungeplant. Das kann eine wunderschöne Überraschung sein. Aber von diesen 50 % sind wiederum etwa 50 % unerwünscht. Das führt weltweit zu etwa 150.000 Abtreibungen am Tag, wovon mindestens ein Drittel illegal ist – mit zum Teil fürchterlichen Konsequenzen für die Frau. Das wird sich in Zukunft ändern: In zwanzig Jahren werden hunderttausende fruchtbare Frauen ihr Kind durch In-Vitro-Fertilisation bekommen. Zusätzlich zu den fünf Millionen, die heute schon von Eltern mit Fruchtbarkeitsproblemen geboren wurden. Es wird dann nur noch erwünschte Kinder geben - und das sind geliebte Kinder.  

Wird sich unser Sexualverhalten verändern?

Sexualität hat in unserer alternden Gesellschaft doch kaum noch etwas mit Reproduktion zu tun. Die Menschen haben meistens hunderte Male Sex ohne Reproduktionswünsche. Der einzige Unterschied in der Zukunft wird sein, dass auch fruchtbare Frauen ihre Kinder durch In-Vitro-Fertilisation bekommen werden. Aber Sex wird man weiterhin haben - aus Liebe, Lust, Spaß und Neugierde. Anstatt zu verhüten, wird man sich eines Tages einfach sterilisieren lassen, was ältere Menschen ja schon heute tun. Wenn man junge Eier und Spermien in der Bank hat, warum sich nicht früher sterilisieren lassen?

Werden dann nur noch Eizellen eingepflanzt, die keine Anomalien aufweisen? 

Das wird ja schon heute gemacht. Die Menschen können biologisches Roulette spielen – das ist ihr gutes Recht. Die gut ausgebildeten Frauen, die sich für das Verschieben der Schwangerschaft aus beruflichen Gründen entscheiden, werden sich auch für die Genanalyse entscheiden. Ich wundere mich, dass man das kritisiert. Eltern von nur ein bis zwei Kindern, insbesondere die wohlhabenden, schicken ihre Kinder auf die beste Schule und kaufen ihnen ein Smartphone zum dritten Geburtstag, weil sie die besten, intelligentesten und schönsten Kinder sind. Dass man den besten Embryo auswählt - nicht ihn manipuliert! - überrascht mich nicht. Das sind alles nur Optionen – es muss ja nicht jeder tun. 

Wird man bald auch größere Objekte als Eizellen und Spermien ohne Schäden konservieren können – ganze Körper zum Beispiel?

Jemanden für vierhundert Jahre einfrieren und dann schauen, ob man ihn wiederbeleben kann? Das Einfrieren von Körpern ist meiner Meinung nach idiotisch und nichts als eine Phantasie. Es hat keinen Sinn, jetzt über solche Sachen zu sprechen, wenn man nicht einmal bereit ist, das einfache Einfrieren von Eizellen zuzulassen. Wenn es nur bei Apple und Facebook bleiben wird – was ich schade fände –, werden die Frauen ihre konservierten Eizellen nicht unbedingt gebrauchen, sondern es auch auf natürlichem Wege versuchen. Bis jetzt hat ja so gut wie keine junge Frau ihre Eizellen einfrieren lassen. Die Ergebnisse werden wir also erst zwischen 2030 und 2050 sehen. Das klingt sehr weit weg, ist es aber nicht, wenn wir daran denken: Vor dreißig oder vierzig Jahren hat es ein oder zwei Kinder gegeben, die ohne Geschlechtsverkehr geboren sind. In den letzten drei, vier Jahren waren es fünf Millionen. Dreißig Jahre in der Geschichte der Welt sind eine Pikosekunde.

Lesen Sie hierzu auch das Kapitel "Die bittersüße Pille" in Djerassis Autobiographie "In Retrospect: From the Pill to the Pen”, Imperial College Press, London 2014.

 


Das Interview führte Philine Sauvageot.