"Das Internet gefährdet den Journalismus nicht"

Roboter und Algorithmen bestimmen heute die Arbeit von Redakteuren. Ohne Internet und Smartphone geht im Mediensektor fast nichts mehr. ARTE Future sprach mit Rémy Le Champion, dem stellvertretenden Direktor der Journalistenschule des Institut Français de Presse, über die technologische Zukunft des Journalismus.

ARTE Future: Wie nehmen Sie den Einsatz von Roboterjournalisten in den Redaktionen der verschiedenen Nachrichtenmedien wahr?

Rémy Le Champion: Journalismus und Medienbranche blieben eine Zeitlang von Innovationen relativ unberührt. Mit der digitalen Revolution entstanden jedoch neue Möglichkeiten. Roboterjournalisten gehören dazu. Sie sorgen für Produktivitätssteigerung und dienen damit der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Free-Content oder von Amateuren bereitgestellten Inhalten. Außerdem senken sie die Ausgaben. Roboterjournalisten sind allerdings nicht imstande, Recherchearbeit zu leisten, sondern produzieren lediglich Artikel kleinen Formats wie zum Beispiel Kurzmeldungen. Dem Journalisten bleibt die wichtige Aufgabe, Themen auszuwählen und Informationen zu bearbeiten. Journalistische Arbeit ist Geistesarbeit, und noch kann keine Maschine den Menschen dabei ersetzen. Kein Roboter könnte die Watergate-Affäre aufdecken, weder heute noch in zehn Jahren. Roboterjournalisten kommen nur bei einfachen und kurzen Themen zum Einsatz. Denn je länger ein Text ist, desto wichtiger ist seine narrative Struktur. Der Journalist muss gewissermaßen eine Geschichte zu erzählen, und dazu braucht man einen eigenen Stil, eine eigene Art zu schreiben. Außerdem muss ein Spannungsbogen erzeugt werden. Dazu müsste der Roboter in der Lage sein, Sachverhalte zu begreifen. Ein Roboter „begreift“ aber nicht, er wendet nur Regeln an, die man ihm einprogrammiert hat. Das funktioniert alles sehr mechanisch.      


Steht das Thema Roboterjournalisten auf dem Lehrplan Ihrer Schule?

 

Nein, vor allem auch deswegen, weil Roboterjournalisten nicht in allen Medien zum Einsatz kommen. Stellen sie sich einen Roboter vor, der das Frühstücksfernsehen moderiert. Ich kann mir nur schwer ausmalen, dass Maschinen live mit dem Publikum interagieren. Das ist nicht mehr als Spielerei. Der Einsatz von Drohnen, mit denen sich spektakuläre Luftaufnahmen machen lassen, ist hingegen ein Thema, das vor allem für das Fernsehen immer wichtiger wird.

 

 

Ist der Einsatz von Drohnen in den Medien bereits eine gängige Praxis und spielt er in der Ausbildung eine Rolle?

Nein, denn rechtliche Vorgaben schränken die Nutzung noch stark ein. In den kommenden Jahren werden sich trotzdem vor allem Studenten der Fachrichtung Kamera damit auseinandersetzen müssen. Meines Wissens werden Drohnen derzeit nur selten verwendet, in den USA hat nur der Fernsehsender CNN die Erlaubnis dazu erhalten. Der Einsatz von Drohnen unterliegt strengen Auflagen. Stellen sie sich ein Großereignis vor, bei dem 40 Kamerateams anwesend sind, jedes mit seiner eigenen Drohne. Das kann schnell kompliziert werden. Die Verwendung von Drohnen hat viel Potenzial, allerdings ist der Markt noch stark limitiert Außerdem ist der rechtliche Rahmen noch nicht vollständig festgelegt.

 

Wird das Programmieren einen ähnlichen Stellenwert innerhalb des Berufsbilds einnehmen wie der Einsatz von Drohnen?

Das Berufsbild des Journalisten kann auch gewisse Programmierkenntnisse umfassen, allerdings ist hier schnell die Schnittstelle zwischen zwei Berufen erreicht. Ein Journalist sollte sich auf seine Kernkompetenzen konzentrieren und sich bei Bedarf an Fachleute wenden. Es kommt nur sehr selten vor, dass Journalisten gut schreiben und gleichzeitig hervorragende Programmierer sind. Ähnlich, wie es beim Fernsehen zwar prinzipiell möglich, aber dennoch schwierig ist, gleichzeitig zu interviewen und selbst zu filmen.

Im Buch "Journalisme 2.0", das Sie zusammen mit Christine Leteinturier herausgegeben haben, kommen Sie zu dem Schluss, dass das Internet den Journalismus nicht gefährdet, sondern dass es ihm im Gegenteil eine neue Dimension gibt. Haben Sie seit dem Erscheinen 2012 neue Entwicklungen im digitalen Bereich feststellen können?              

Die digitale Revolution ist kein Tsunami. Wir befinden uns in einer Phase des digitalen Wandels, und auch der Journalismus muss sich damit auseinandersetzen. Doch das geht nicht von heute auf morgen. Die Wochenzeitung Le Canard enchaîné beispielsweise hat so gut wie keine Internetpräsenz. Das ist eine bewusste Entscheidung. Wir sollten nicht nur die großen Tageszeitungen wie Le Monde, Le Figaro oder Libération betrachten, sondern auch die Fachpresse. Der Grad der Digitalisierung hängt stark von den verschiedenen Pressesparten und Firmenstrategien ab. Die Veränderungen können auch sehr tiefgreifend sein. Ein Beispiel hierfür ist Mediapart. Diese Firma profitiert ökonomisch von der digitalen Entwicklung. Die Presse, die zuvor ein eigenständiger Sektor war, muss ihre Strategie überdenken. Unternehmen wie Mediapart oder Vice sind die Gewinner von morgen. Andere Presseorgane, die sich nicht anpassen können, werden aus der Medienlandschaft verschwinden.

Von Sophie Roche