Der Boom der Antidepressiva

Der OECD-Bericht "Gesundheit auf einen Blick" aus dem Jahr 2013 zeigt, dass sich die Einnahme von Antidepressiva in den 34 Mitgliedsstaaten der Organisation zwischen 2000 und 2011 praktisch verdoppelt hat. Betrachtet man die Anzahl der pro 1000 Einwohnern eingenommenen Tagesdosen, treten große Unterschiede zutage: Mit 106 Tabletten steht Island an der Spitze bei der Verschreibung von Psychopharmaka, Südkorea und Chili gehören hingegen mit nur 13 Dragees zu den schlechten Kunden der Pharmaindustrie. Während Frankreich um die Jahrtausendwende noch zu den Spitzenreitern gehörte, ist das Land nun mit 50 Pillen im Mittelfeld zu finden (bei steigendem Verbrauch). In Australien (89), Kanada (86) und Dänemark (85) fällt die Zahl der verschriebenen Tagesdosen erheblich höher aus.

Allgemeine Angstzustände

Der Philosoph Miguel Benasayag hebt hervor, wie sehr die Finanzkrise 2007 zum Anstieg der Antidepressiva-Einnahmen beigetragen hat. In der EU wurden Portugal und Spanien am schlimmsten von der Krise getroffen – und in beiden Ländern stieg der Konsum von 2007 bis 2011 um 20 % bzw. 23 % an. Obwohl Griechenland ebenfalls Mitglied der OECD ist, taucht das Land in der Statistik nicht auf, dabei soll die Selbstmordrate beängstigend sein. Auch die USA – ebenfalls OECD-Mitglied – werden im Bericht nicht erwähnt. Die amerikanische Anthropologin Emily Martin schätzt, dass derzeit jede vierte Amerikanerin zwischen 30 und 50 Jahren Antidepressiva nimmt. Laut OECD könnte einer der Gründe für diese hohe Zahl an Verschreibungen eine Erweiterung des Indikationskatalogs dieser Medikamentenklasse sein, die nun auch bei leichteren Depressionen, Angststörungen und Sozialphobien eingesetzt wird.

Leistungskult und -druck, das Streben nach Unabhängigkeit und Individualität sowie lange Arbeitstage – all diese Faktoren sind Ausprägungen eines gesellschaftlichen Problems, dass kurzerhand zur Krankheit umdefiniert wird. Im Übrigen ist gerade in Deutschland – dem EU-Land mit dem stärksten Wirtschaftsaufschwung – die Einnahme von Antidepressiva zwischen 2007 und 2011 besonders stark anstiegen: nämlich um 46 %!