Doping fürs Gehirn

Immer mehr Menschen versuchen, ihre geistige Leistungsfähigkeit mit verschreibungspflichtigen Medikamenten anzukurbeln. Ob Psychopillen wie Ritalin & Co dem Denkorgan tatsächlich einen Schub verleihen, ist allerdings zweifelhaft. Und das Hirndoping birgt auch Risiken.

Ein Artikel von Ulrich Kraft

Fahrig blättert Sabine den Stapel mit den Vorlesungsprotokollen durch, beim Lesen verschwimmen die Buchstaben vor ihren Augen, Panik macht sich breit. Noch vier Nächte und drei Tage bleiben der Medizinstudentin bis zur Examensprüfung. Reichlich wenig angesichts der zwei Fächer, die es bis dahin noch zu pauken gilt. Dabei kann Sabine schon jetzt nicht mehr. Sie ist hundemüde, hat Probleme, sich zu konzentrieren, und ihr in den letzten Wochen mit Wissen vollgestopftes Denkorgan fühlt sich komplett leer an. Wie verlockend wäre es da, den grauen Zellen mit einer kleinen Pille auf die Sprünge zu helfen? So wie der Kommilitone. „Mit den Tabletten bist du hellwach, absolut klar im Kopf und kannst super lernen – stundenlang“, hatte der neulich erzählt. „Falls du es auch probieren willst, sag Bescheid, ich hab noch welche.“ Sabine kann der Versuchung nicht widerstehen und greift zum Telefon.

Weil sie sich als Betrügerin fühlt, möchte sie ihren richtigen Namen hier nicht verraten. Doch die 29-jährige Berlinerin ist beileibe kein Einzelfall, wie eine Befragung von rund 3500 Studenten an vier großen Unis in Deutschland offenbart. Knapp fünf Prozent der Teilnehmer gaben zu, dass sie mindestens einmal versucht haben, ihre geistige Leistungsfähigkeit mit Medikamenten zu steigern. Unter US-Studenten sind es je nach Umfrage sogar bis zu 20 Prozent. Neuroenhancement lautet der Fachbegriff, wenn gesunde Menschen Arzneimittel schlucken, um ihre kognitiven Fähigkeiten zu pushen – also für mehr Aufmerksamkeit, Konzentration und ein besseres Erinnerungsvermögen. Da diese verschreibungspflichtigen Medikamente aber ohne medizinische Notwendigkeit und somit missbräuchlich eingenommen werden, sprechen viele Experten lieber von Hirndoping.

Zu den Rennern unter diesen Substanzen zählen Psychostimulanzien mit dem Wirkstoff Methylphenidat. Unter Markennamen wie Ritalin, Medikinet oder Concerta sind sie zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zugelassen. Bei den zappeligen ADHS Patienten fördern die Pillen erwiesenermaßen die Aufmerksamkeit, lindern die körperliche Unruhe helfen beim Stillsitzen. Glaubt man den Kommentaren von Ritalin-Usern im Internetforen und manchen Medienberichten, bewirkt der Amphetamin-Abkömmling auch bei Gesunden wahre Wunderdinge: Schnelleres Denken, enormes Lernvermögen, Gedächtnis wie ein Computer, Ideenreichtum, überbordende Kreativität – Methylphenidat soll’s möglich machen!

Die Faktenlage sorgt schnell für Ernüchterung. So macht das Aufputschmittel gesunde Erwachsene in Studien zwar wacher, aufmerksamer und verkürzt ihre Reaktionszeit. Doch das schafft auch ein doppelter Espresso. Die wissenschaftlichen Belege für die angeblich so positiven Effekte auf Erinnerung, Denk- und Lernleistung lassen sich in einem Wort zusammenfassen: Fehlanzeige!

Anders ist die Faktenlage bei Modafinil. Das ebenfalls den Amphetaminen ähnelnde Medikament setzen Ärzte gegen krankhafte Schlafattacken ein, die sogenannte Narkolepsie. Abseits von Praxen und Apotheken sind die Pillen aber schon lange als Neuroenhancer beliebt. Abiturienten schlucken sie, um den Prüfungsstoff in Rekordzeit zu büffeln, Manager vor wichtigen Terminen. Ob Modafinil dem Gehirn wirklich Flügel verleiht – wie oft behauptet wird-, wollten Ruairidh Battleday und Anna-Katherine Brem von der University of Oxford jetzt genauer wissen. Dazu analysierten die beiden Neurowissenschaftler alle 24 aussagekräftigen Studien zur Modafinil-Wirkung bei Gesunden, die zwischen 1990 und 2014 erschienen waren.

Laut der im August 2015 vorgestellten Übersichtsarbeit nutzt die Einnahme bei simplen Merktests nichts. Je länger und komplexer die Aufgaben aber waren, desto deutlicher zeigte sich, dass Modafinil die Geistesleistung befördert – ganz konkret die Entscheidungsfähigkeit und das strategisch-planerische Denken. Insbesondere die „höheren Hirnfunktionen, die auf vielen einzelnen kognitiven Prozessen aufbauen, würden durch das Medikament einen zusätzlichen Schub bekommen, sagt Battleday. Modafinil sei damit erwiesenermaßen ein Neuroenhancer, sagen die Forscher – und „ ist das erste echte Beispiel für eine ‚smart drug‘, die wirklich helfen kann, zum Beispiel bei der Examensvorbereitung.“

Damit ist der Wirkstoff zumindest vorerst die Ausnahme. Medikamente gegen Demenz und Antidepressiva werden zwar von Hirndopern ebenfalls fleißig geschluckt. Doch es gibt bislang nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, dass sie die Intelligenz und das Denkvermögen gesunder Menschen nennenswert steigern. Im Gegenteil: Antidepressiva können das Gedächtnis sogar verschlechtern. Dass die erhoffte Wirkung ausbleibt, bedeutet nicht, dass auch keine Nebenwirkungen auftreten. Schlafstörungen, Unruhe, Nervosität, Herzrhythmusstörungen, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Depressionen, Psychosen, Bluthochdruck, Selbstmordgedanken – die Liste der unerwünschten Effekte ist lang. Bei Psychostimulanzien wie Modafinil und Methylphenidat kommt erschwerend hinzu, dass sie abhängig machen können. Doch was wäre, wenn es einen pharmakologischen Gehirnturbo ohne Nebenwirkungen gäbe, eine Pille, die weder süchtig macht noch Langzeitschäden verursacht? Das fragten Forscher der Uni Mainz über 1500 Schüler und Studenten. Die Antwort fiel eindeutig aus: 80 Prozent der jungen Männer und Frauen würden dann gerne zugreifen. Vorläufig heißt es für sie aber weiterhin: Abwarten und Tee trinken. Oder Kaffee. Denn noch ist ein solches Wundermittel nicht in Sicht.