Ebola überleben

Während der Virus-Epidemie trauten sich nur wenige Journalisten nach Liberia. Unter ihnen: Carl Gierstorfer. Ein Gastbeitrag im ARTE-Magazin.

Es gibt Momente, die brennen sich ins Gedächtnis stärker ein, als es eine Kamera einfangen kann. So einen habe ich mit Stanley Juah erlebt: Er steht am Grab seiner Frau und dreier seiner Kinder. Er liest jeden Namen leise vor und weint. In diesem Moment beginne ich die ganze Tragweite von Ebola zu verstehen. Ich sehe einen Mann, der seinen kranken Sohn aus der Quarantäne holte und so das Virus in sein Dorf brachte. In der Folge starben 18 Menschen, und deshalb wollen viele Bewohner seines Dorfes Stanley tot sehen. Und doch ist Stanley in diesem Moment auch ein Vater und Ehemann, der um seine Familie trauert. Er selbst hat Ebola überlebt. Dieses Überleben empfindet er als Strafe.

Im Herbst 2014 erreichte der Ebola-Ausbruch in Westafrika seinen Höhepunkt. Als Biologe wusste ich: Das Virus ist hochgefährlich – und gleichzeitig ist wenig über den Verlauf der Krankheit und ihrer Spätfolgen bekannt. Als Journalist wusste ich: Dort muss ich hin. Ich wollte verstehen, was die Epidemie mit dem Land, mit den Menschen tat, während die Welt versuchte, sich von der Region abzuschotten. Ich wollte Geschichten wie die von Stanley erzählen. Und ich wollte jenen Menschen eine Stimme geben, die helfen, wenn alle anderen fliehen. Jeden Tag fuhren wir mit Geländewagen in abgelegene Dörfer, wo Ebola-Patienten von liberianischen Helfern abgeholt wurden. Darunter war die junge Krankenschwester Mabel Musa. Sie hatte lange gehadert, ob sie helfen sollte. Viele ihrer Kollegen waren dabei gestorben.

Menschen wie Mabel sind die Pfeiler der Hilfe, wenn ein Staat zusammenbricht. Sie konnte, anders als ausländische Helfer, die lokalen Dialekte sprechen. Sie wusste, wie sie mit den Kranken umgehen musste, und konnte so ihr Vertrauen gewinnen. Wie Mabel hielt ich immer drei Meter Sicherheitsabstand. Die Erde, auf der die Kranken gingen, wurde mit Chlorbleiche besprüht. Und trotzdem: Ein Restrisiko bleibt. Einmal fing es an zu regnen, als Kranke in den Pickup verladen wurden. Ein kurzer Moment der Panik, denn der Regen kann das Virus überallhin verwaschen. Ein anderes Mal begleiteten wir ein Team von sogenannten Contact Tracern, die versuchten, die Kontaktpersonen eines Ebola-Patienten in einem abgelegenen Dorf tief im Wald zu finden. Zu Fuß marschierten wir durch den Dschungel, stundenlang. Mehrere Flüsse mussten wir überqueren, die Brücken waren einfache Bambusstämme, alle hielten sich daran fest. Später dachte ich: Auch die Kranken könnten sich daran festgehalten haben. Nur rund die Hälfte der Infizierten überleben. Ärzte durften nur mit Schutzanzügen zu den Kranken, die Toten wurden sofort begraben. Knapp 100 Holzkreuze reihten sich Ende November 2014 im Ebola-Friedhof in einem Waldstück hinter dem Behandlungszentrum aneinander. Darunter die Kreuze für Stanleys Kinder und seine Frau.

Stanley bat mich, ihn mit der Kamera zu begleiten, als er zum ersten Mal die Gräber seiner Familie besuchte. Es ist dieser Moment, den ich nie vergessen werde: Er steht regungslos da, liest die Namen seiner Kinder. Und plötzlich begreift er, dass sie wirklich tot sind. Er bricht zusammen, weint. Er hat mit seiner fatalen Entscheidung, seinen Sohn aus der Quarantäne zu holen, die Infektionskette ausgelöst.

Heute ist das Gesundheitszentrum in Bong County abgebaut, die Menschen bestellen ihre Felder, leben weiter. Doch das Virus hat das Land verändert. In Westafrika hat Ebola über 11.000 Menschen den Tod gebracht. Viel dramatischer aber: Es hat Familien zerstört, Nachbarn zu Feinden gemacht. In Liberia sagen die Menschen, Ebola sei schlimmer als Krieg. Während des Bürgerkrieges wussten sie, wer auf wen schießt. Bei Ebola kann die Ehefrau, der Ehemann, der Sohn zum Todfeind werden. Jetzt ist es wichtig, die Bevölkerung zu schulen, damit ein möglicher Ausbruch schnell bemerkt – und eingedämmt wird. Liberia galt die vergangenen Monate als ebolafrei. Vor wenigen Wochen starb wieder ein Liberianer an dem Virus. Er war erst 15Jahre alt.

Carl Gierstorfer

Der Filmemacher Carl Gierstorfer war zwei Mal während des Ebola-Ausbruchs in Liberia. Seine Dokumentation zeigt den gefährlichen täglichen Kampf der Helfer und Betroffenen.