Frau-Mann: doch nicht so verschieden?

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Markus Hausmann ist Psychologe an der Durham University und hat schon zahlreiche Forschungen zu kognitiven Geschlechterunterschieden durchgeführt und veröffentlicht. Er vertritt den sogenannten psychobiosozialen Ansatz, der besagt, dass Geschlechtsunterschiede auf Wechselwirkungen zwischen biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren basieren. ARTE Future hat ihn gefragt, was dahinter steckt. Das Interview führte Sophia Boddenberg.

Woher kommen die Unterschiede zwischen Frauen und Männern? 

Markus Hausmann: Es gibt biologische Unterschiede, die man zum Teil schon sehr früh findet, also circa ab der achten Schwangerschaftswoche, wenn bei den männlichen Embryonen die Testosteron-Spiegel steigen. Das hat durchaus Effekte auf die Hirnstruktur und bestimmte Hirnareale. Und es wird angenommen, dass diese einen Einfluss auf das Verhalten von Männern und Frauen haben. Es gibt aber auch Umwelteinflüsse, die das Gehirn formen. Das Interessante ist dann, wie diese beiden Faktoren interagieren. Soziale Stresssituationen können biologische Konsequenzen haben. Zum Beispiel weiß man, dass Stresshormone einen Einfluss auf die Zellen der Hirnstruktur haben. Andere Unterschiede sind durch die unterschiedliche Sozialisation und durch den kulturellen Hintergrund, dem wir ausgesetzt sind, geprägt. Da spielen viele Prozesse eine Rolle. Das Geschlecht ist ein Konstrukt, das man gar nicht so einfach messen kann. Es gibt das genetische Geschlecht, das hormonelle Geschlecht, die Geschlechtsidentität und die sexuelle Orientierung. All diese Faktoren interagieren miteinander, sodass man die Welt nicht einfach aufteilen kann in männlich und weilblich. Es ist viel komplizierter.

Haben Frauen und Männer unterschiedliche Fähigkeiten?

Markus Hausmann: Das ist wirklich schwer zu sagen. Wir versuchen in der Forschung bestimmte psychologische Prozesse spezifisch zu erfassen. Man kann sicher nicht sagen, dass die eine Gruppe intelligenter ist als die andere. Es gibt aber bestimmte Faktoren, in denen sich Männer und Frauen unterscheiden, wie zum Beispiel das Selbstvertrauen, das vermutlich auch eine hormonelle Basis hat. Das Testosteron macht Männer vielleicht tatsächlich eher kompetitiv und selbstbewusst, wohingegen das bei Frauen eher weniger der Fall ist.

Wie groß ist der Einfluss der Hormone auf Frauen und Männer?

Markus Hausmann: Die Hormone haben generell bei Männern und Frauen einen großen Einfluss, es sind aber unterschiedliche Hormone. Die Geschlechtshormone liegen in unterschiedlicher Konzentration bei Frauen und Männern vor. Deshalb sprechen wir auch von weiblichen und männlichen Hormonen, was eigentlich falsch ist. Denn die Hormone treten bei Männern und Frauen gleichermaßen auf, nur in unterschiedlichen Konzentrationen.

Inwiefern hat die Evolution das Gehirn geprägt?

Markus Hausmann: Diese Frage kommt immer wieder auf. Einige Wissenschaftler sind da sehr schnell mit einer schlauen Erklärung. Das Problem ist, dass diese Erklärungen häufig post-hoc sind. Ich glaube, dass wir da sehr aufpassen müssen, nicht in Vorurteilsfallen zu tappen - aber gerade das passiert sehr schnell. Zum Beispiel wurde lange angenommen, dass Männer bessere raumkognitive Fähigkeiten haben, weil sie diese beim Jagen brauchten und Frauen eher vor der Höhle saßen und sich um die Kinder gekümmert und Beeren gesammelt haben. Es gibt Studien von Anthropologen, die das bezweifeln und behaupten, dass Männer und Frauen sich gemeinsam auf die Jagd begeben haben und die ältere Generation sich um die Kinder gekümmert hat. Wenn das so ist, dann ist es natürlich schwer zu sagen, dass Männer aufgrund der Evolution bessere raumkognitive Fähigkeiten haben.

Was sagen sie zu der Aussage, es gebe gar keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern?

Markus Hausmann: Man kann bestimmte strukturelle Unterschiede nicht wegdiskutieren, denn sie existieren. Solche gleichmachenden Aussagen sind einfach falsch. Die Frage ist nur, wie relevant die Unterschiede sind und was sie bedeuten. Es gibt einige Wissenschaftler, die davon ausgehen, dass die paar strukturellen Unterschiede, die wir zwischen dem weiblichen und dem männlichen Gehirn finden, nur dazu da sind, um funktionelle Unterschiede kognitiver Art wieder auszugleichen. Normalerweise gehen wir davon aus, dass wenn Frauen und Männer sich unterschiedlich verhalten, es auch Unterschiede im Gehirn geben muss. Es gibt aber eben auch genau die umgekehrte Idee, dass die Unterschiede, die wir im Gehirn finden, so sind, wie sie sind, um Verhaltensunterschiede zu minimieren.

Inwiefern ist es problematisch, aus Testergebnissen Geschlechterunterschiede abzuleiten?

Markus Hausmann: Das kann gefährlich sein. Deshalb ist es wichtig, dass man, wenn man solche Daten veröffentlicht, eine Interpretation mitliefert oder zumindest sagt, was sie nicht bedeuten. Wenn man einen raumkognitiven Test findet, der zuverlässig Geschlechtsunterschiede zeigt, dann wird automatisch gesagt: „Das ist der Grund, warum Frauen nicht einparken können oder deshalb sind Frauen weniger qualifiziert, den Beruf eines Piloten zu ergreifen“. Das ist natürlich verheerend. Die Lösung ist, aufzuklären.

Warum sind Bücher wie „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“, die Stereotype wissenschaftlich beweisen wollen, so erfolgreich?

Markus Hausmann: Weil sie Stereotype verstärken. Eigentlich liest man da schwarz auf weiß, was man meint immer schon gewusst zu haben. Wenn wir als Wissenschaftler Bücher veröffentlichen, wo vielleicht eher die Wahrheit drin steht, dann sind sie oft sehr gleichmachend, da sie abwägen. Das ist dann natürlich weniger spannend. Wir versuchen dagegenzuhalten, aber leider werden unsere Bücher nicht so häufig gekauft, wie die von solchen Autoren, wo ganz viele falsche Dinge drinstehen.