Europa schützt sich schlecht gegen die Grippe

Mit der über Europa hereinbrechenden Kälte wird sich das saisonale Grippevirus der (Influenza) mehrere Monate lang verbreiten. Wie jedes Jahr dürfte sich auch diesmal wieder jeder zehnte Europäer anstecken. Daher haben die Länder der Europäischen Union ihre Präventionskampagnen gestartet, um die gefährdetsten Personengruppen zur Grippeschutzimpfung zu motivieren. Doch trotz intensiver Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sind die Impfquoten nach wie vor nicht sehr hoch und liegen weit unter dem 2009 von der EU-Kommission festgelegten Ziel.

 

Niederlande und Großbritannien: hohe Impfquote

In einigen EU-Mitgliedsstaaten gehen bestimmte Risikogruppen schon regelmäßig zur jährlichen Grippeschutzimpfung. So in den Niederlanden, die mit einer Impfquote von 77,4 % bei der Gruppe der Senioren in der Wintersaison 2012/2013 Spitzenreiter waren.

Großbritannien und Spanien erreichten jeweils Impfquoten von 60 bis 70 %. Zu diesem Ergebnis kommt die im Januar 2015 vom Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC, englisch European Centre for Disease Prevention and Control) veröffentlichte Studie. Diese 2005 als Agentur der Europäischen Union eingerichtete Seuchenbehörde soll die strategische Bekämpfung von Infektionskrankheiten in der EU erleichtern und verbessern.

Die Europäische Union verfehlt ihr Ziel

Zu den Ländern, in denen 2012/2013 am wenigsten gegen die saisonale Grippe geimpft wurde, zählen die Slowakei, Polen und die baltischen Staaten. Die EU-weit niedrigste Impfquote bei den Senioren verzeichnet Estland. Dort ließ sich lediglich 1 % der Personen ab 65 Jahren impfen, wie ebenfalls aus ECDC-Angaben hervorgeht.

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Die Durchimpfungsrate bezüglich der Grippeschutzimpfungen innerhalb der EU beträgt bei den Senioren im Schnitt 45 %, bei den chronischen Kranken 46 % und bei den Schwangeren lediglich 26 %. Das Ziel der Europäische Union von 2009 lautete jedoch, bis 2015 eine Durchimpfung der Risikogruppen von 75 % zu erreichen..

Deutschland und Frankreich verzeichnen ziemlich mittelmäßige Quoten: In beiden Ländern ließ sich im vergangenen Jahr nicht einmal jede zweite Risikoperson gegen die saisonale Grippe impfen. Kulturell ist das Verhältnis zur Impfung gegen die Influenza bei Deutschen und Franzosen von Misstrauen, Unverständnis und manchmal auch von Desinformation bestimmt.

Impfbefürworter und Impfgegner: ein Kommunikationskrieg

cdaniel_paquetcc-flickr_vaccination_grippe-2010.jpgDie Verstärkung der Impfkampagnen in den letzten Jahren erklärt sich offenbar auch daraus, dass breite Anti-Impfkampagnen geführt wurden. In diesem „Kommunikationskrieg“ um eine Debatte des öffentlichen Gesundheitswesens sahen sich die Behörden veranlasst, auf die Argumente der Impfskeptiker zu reagieren.

Letztere argumentieren, die Nebenwirkungen der Impfung könnten mehr Schaden anrichten als die Krankheit selbst, das heißt, man gehe ein höheres Risiko ein, wenn man sich impfen lasse, als wenn man darauf verzichte. Das sei ein in Deutschland ziemlich verbreiteter Irrtum, und zwar stärker bei den chronisch Kranken und den Schwangeren als bei den älteren Personen, bei denen die Quote der Grippeschutzimpfungen höher liege, erklärt das Deutsche Grüne Kreuz, eine gemeinnützige Vereinigung, die seit 1948 in Deutschland gesundheitliche Aufklärungskampagnen durchführt.

Außerdem sei die Impfung unwirksam, behaupten die Impfgegner. In der Tat hatte sich einer der Virusstämme in der Saison 2014/2015 zwischen der Ausarbeitung des Impfstoffs und der Ankunft der Grippe in Europa verändert, wodurch die Impfung nicht optimal auf die tatsächliche Zusammensetzung der zirkulierenden Grippeviren passte und der Wirkungsgrad des Serums von den normalen 50 bis 85 % auf extrem niedrige 23 % sank. Die diesjährige Grippeschutzimpfung dürfte wirksamer sein, da sie „optimiert“ wurde. Selbst wenn sie keinen hundertprozentigen Schutz leistet, bewahrt sie vor allem die gefährdetsten Personen davor, an den Folgen einer Influenza zu sterben.

Im Übrigen kann man sich trotz Impfung eine andere saisonale Erkrankung zuziehen, beispielsweise Schnupfen, Halsschmerzen und Husten mit mehr oder weniger hohem Fieber. Das bringt viele Leute durcheinander. Sogar Ärzte tragen zur Begriffsverwirrung bei, wenn sie dem Patienten ein „Grippe-Syndrom“ bescheinigen, obwohl er in Wirklichkeit nicht von Influenzaviren infiziert ist, sondern sich eine banale Erkältung oder ein anderes Virus eingefangen hat.

Wieviel kostet uns die Grippe?

Ob nun viel oder wenig geimpft wird – die Influenza hat ihren Preis. In erster Linie kostet sie Menschenleben: 2014/2015 starben in Frankreich 11.400 Patienten an Komplikationen dieser Krankheit. 2007 versuchten die Regionalen Grippe-Beobachtungsgruppen (Groupes régionaux d'observation de la grippe, GROG), die direkten Kosten der Epidemie zu messen. Auf der Grundlage ihrer Schätzungen wurden die Kosten von dem französischsprachigen Radiosender Europe 1 im vergangenen Jahr auf 150 Millionen Euro allein für Behandlungskosten veranschlagt. Rechnet man jedoch die durch den Arbeitsausfall verursachten Kosten und die indirekten Kosten hinzu, die durch den krankheitsbedingt anfallenden Konsumrückgang entstehen, kommt man für Frankreich auf Gesamtkosten in Höhe von 1 Milliarde Euro.

In Deutschland sind die Kosten doppelt so hoch: Sie betragen 2,2 Milliarden Euro. Darüber hinaus führte die Epidemie im Winter 2012/2013 in Deutschland zu beinahe 21.000 Todesfällen, wie das Robert Koch-Institut meldet.

Baptiste Cogitore