Mikroalgen - Der gesunde Kaviar der Zukunft?

Sie enthalten Omega 3 Fettsäuren, Vitamin B12 und sehr viel Eiweiß – keine Frage, Mikroalgen sind zweifellos ein echtes Superfood. Das Problem: sie schmecken nicht besonders gut, und sind oft nur als Nahrungsergänzungsmittel in Tabletten, Kapseln oder Pulver erhältlich. Eigentlich schade, dachten sich zwei Jungunternehmerinnen aus Niedersachsen und gründeten das Startup Evergreen Foods. Das Ziel: die Mikroalge Chlorella vulgaris einem breiteren Publikum schmackhaft machen - mit einer Algenperle, die es in sich hat!

Wer sich schon einmal an Spirulina-Kapseln oder Chlorella-Pulver versucht hat, wird den fischigen Beigeschmack von essbaren Mikroalgen wohl nur zu gut in Erinnerung behalten haben. So auch Jutta Reinke, Mitgründerin des Startups Evergreen Foods: “Algen sind großartig. Sie enthalten alles, was der Körper braucht. Sie zu essen ist allerdings nicht so toll…..” berichtet sie.Ihrer Kollegin Cathleen Cordes ging es ähnlich. Außerdem bedauerte die Biotechnologin, dass Mikroalgen oft nur als Nahrungsergänzungsmittel angeboten wurden, die Verwendung als “normaler” Inhaltsstoff in Nahrungsmitteln jedoch kaum in Betracht gezogen wurde. Den unangenehmen Geschmack zu beseitigen, ohne dabei die wertvollen Inhaltsstoffe zu verlieren, das war fortan das Ziel der beiden Freundinnen. So gründeten sie im Juli 2015 das Startup Evergreen Foods.

16.000 Mikroalgen pro Perle

Da Cathleens Vater eine Algenfarm besitzt, konnte sich die Biotechnologin dort neben dem Studium ausprobieren. Bei einem ihrer Versuche vor einigen Jahren kam die Algenperle heraus: "Wir wollen ein Produkt, das ansehnlich und hochwertig ist - und sich einfach in den Alltag einbauen lässt", erklärt Jutta. Die kleinen kaviarförmigen Kügelchen, die unter dem Namen “Lüttge-Algenperle” verkauft werden sollen, enthalten neben Agar-Agar (Bindemittel) und verschiedenen Geschmackskomponenten bis zu 16.000 Mikroalgen pro Stück.

Evergreen Foods bietet die Perlen in zwei Geschmacksrichtungen an:  Essig-Öl (für Salate und herzhafte Gerichte) und Heidelbeere (für Quark oder Süßspeisen). Besonders für Veganer könnte die Wunderperle eine wertvolle Alternative sein. Die Chlorella enthält neben Chlorophyll auch Vitamin B12, das sonst vor allem in Fleisch, Milch und Eiern vorkommt. Schon 2,5 g Chlorella decken 100 Prozent des empfohlenen Tagesbedarfs an Vitamin B12. Auch die Proteinzufuhr könnte durch den Verzehr der Mikroalgen gewährleistet werden - denn die in der Perle verwendete Chlorella besteht fast zu 70 Prozent aus Eiweiß.

Insekten und Algen - die Eiweißlieferanten der Zukunft

Doch die beiden Unternehmerinnen von Evergreen Foods wollen mit ihren Produkten nicht nur Veganer, sondern auch Sportler und Menschen, die entgiften wollen, ansprechen. Jutta geht sogar noch einen Schritt weiter: “Ich denke, dass Insekten und Algen die Eiweißlieferanten der Zukunft sein werden”, sagt die 28-Jährige. Neben den Algenperlen produziert Evergreen Foods auch ein Algenöl, das zu 4 Prozent aus Mikroalgen besteht. Kleiner Haken: der Preis ist mit 14,95 Euro pro Flasche ein bisschen happig - aber wenn man bedenkt, welch wertvolle Inhaltsstoffe in dem Öl stecken, ist er wiederum gerechtfertigt.

Gut für die Gesundheit - gut für die Umwelt

Nicht nur für die Gesundheit der Konsumenten, auch für die Umwelt soll die Alge gut sein. Hintergrund: Im Vergleich zu anderen Eiweißquellen benötigt die Chlorella Vulgaris beim Anbau 17 Mal weniger Ackerfläche und wandelt 5 Mal mehr CO2 um als andere Landpflanzen. Im Falle von Evergreen-Foods müssen die geernteten Algen zudem noch nicht einmal eine weite Strecke bis zu ihrer Weiterverarbeitung zurücklegen: denn Cathleen Cordes und Jutta Reinke beziehen die Chlorella aus den Gewächshäusern der Algenfarm von Cathleens Eltern - und die befindet sich im selben Ort! Ein Familienunternehmen mit regionalen Produkten also. Zudem handelt es sich dabei um die ersten deutschen Algen, die sich offiziell als “bio” bezeichnen dürfen. 

Die Lüttge-Algenperle und das Algenöl sollen im Frühjahr 2016 auf den Markt kommen und zuerst über den Online-Shop von Evergreen Foods erhältlich sein. Sternekoch Björn Freitag probierte die Algenperle schon aus und verwendete sie für sein Menü anlässlich der Gala des deutschen Nachhaltigkeitspreises. 

Ob die Algen-Produkte bei den Verbrauchern auch so gut ankommen werden, wird sich zeigen. “Ich würde mich sehr freuen, wenn die Leute lernen, Mikroalgen und ihre Inhaltsstoffe mehr wertzuschätzen”, sagt Jutta. Und Cathleen fügt hinzu: “Mein Traum ist, dass in der Lebensmittelindustrie wieder weniger Zusatzstoffe und mehr Naturprodukte eingesetzt werden, die dafür umso gesünder sind. Zurück zur Natur.”

Algenperle statt Tiefkühlpizza - Die Perle könnte auf jeden Fall ein guter Anfang sein, Deutschlands Teller auf geschmackvolle Weise wieder reichhaltiger und nachhaltiger zu füllen.


Von Kerstin Acker