Eine Wissenschaftslüge geht um die Welt - die Auflösung

Schlank durch Schokolade! - Was haben die Filmemacher gemacht?

Mein Name ist Uwe Knop. Ich bin Ernährungswissenschaftler und Studienexperte. Seit fast 10 Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema Diäten. Und ich kann Ihnen versichern: Keine funktioniert. Daher engagiere ich mich für schonungslose Aufklärung rund um alle Ernährungs- und Diätlügen. 

In der Diätbranche mache ich mich mit dieser Aussage natürlich nicht besonders beliebt. Für die ARTE-Produktion „Schlank durch Schokolade – Eine Wissenschaftslüge geht um die Welt“ jedoch waren meine Kenntnisse des perfiden „Systems der Ernährungs-PR“ relevant, denn ich weiß, wie die Ernährungslobby die Medien hinters Licht führt. So beriet ich das Team um Diana Löbl und Peter Onneken rund um die Medienmechanismen, die häufig zur Vermarktung von Ernährungsideologien wie ihrer „Schoko-Fake“-Studie eingesetzt werden.

Die Zubereitung – Man nehme eine sehr schlechte, aus wissenschaftlicher Sicht gar hochgradig peinliche „Studie“. Dazu wird ein Abstrakt erstellt, das auf den ersten Blick der standardisierten Studien-Darstellung entspricht. Verfasst wird es natürlich auf Englisch, idealerweise mit vielen Fachbegriffen gespickt, das hebt die Leseschwelle an. 

Im Text lässt man viel im Dunkeln, bleibt nebulös und bastelt ein paar schwer verständliche, aber seriös aussehende Blender-Grafiken mit ein. Wenn alles „angerührt“ ist, sucht man sich ein wissenschaftliches Journal, das die Studie publiziert. 
Wenn man weiß, „dieses Schundwerk wird niemals den Review-Prozess eines auch nur halbwegs seriösen Journals bestehen“, dann kauft man sich eben in ein halbseidenes Journal ein, wo keine besondere Prüfung des „wissenschaftlichen Materials“ erfolgt – und schon wird aus der Science-Fiction eine „echte Publikation“. 

Es ist angerichtet – Nun liegt also die eingekaufte Publikation auf dem Tisch – aber keiner kennt sie. Jetzt gilt es die Ergebnisse unters Volk zu bringen. Für die Pressemeldung haben sich die Filmemacher dazu eine attraktive Headline ausgedacht: „Schoko statt Jojo - Studie: Schokolade wirkt als Diät-Turbo“. 
Schokolade macht schlank? Das interessiert die Leser! Nun, langsam – ist die PR-Meldung denn auch seriös? Logisch, denn als Absender fungiert das deutsche „Institute of Diet and Health“ – eine Non-Profit-Organisation, die „weder von der Industrie beauftragt noch finanziert wird“. 
Für manche Journalisten, die keine Zeit (und/oder keine Lust) haben, dieser Ernährungs-PR kritisch auf den Zahn zu fühlen, reichen derartige „Seriositäts-Parameter“, um die Meldung unreflektiert abzuschreiben – ohne sich vorher die „Originalarbeit“ anzuschauen und ohne dem Studienleiter vorher essenzielle Fragen zu seiner Forschung zu stellen. 
Und schon lesen die Leute Schlagzeilen wie „Neue Studie: Schokolade hilft beim Abnehmen“ oder „Schoko statt Jojo! Wer Schokolade isst, bleibt schlank“. Botschaft lanciert, Mission erfüllt.

Und die Moral von der Geschicht? Jeder Journalist sollte alle PR-Meldungen zu Ernährungsstudien immer und grundsätzlich kritisch hinterfragen! Denn diese Studien liefern systembedingt stets nur schwache Erkenntnisse (siehe „Wie funktionieren Studien“). Bei PR-Meldungen zu Diäterfolgen kann man diesen Schritt auch gerne überspringen: die sollte man am besten direkt in den Papierkorb werfen – denn es gibt keine Diät, die langfristig schlank macht. Logisch, sonst gäbe es auch nicht jedes Jahr einen neuen Abspeck-Trend. Auch wenn die Studien einzelner Hersteller „Große Abnehm-Erfolge“ zeigen, so basiert diese Verschlankung stets auf dem Wirkprinzip aller Diäten, egal wie sie heißen und was sie als „Wundermechanismus“ anpreisen. 
Alle Diäten funktionieren über die negative Energiebilanz – also weniger Energie aufnehmen als verbrauchen. Am Ende der Studie sind alle dünner! Aber was passiert danach? Essen die Menschen wieder normal, nehmen sie rasch zu und werden häufig sogar dicker als vor der Diät. Außer: Man bleibt lebenslang auf Diät und führt einen Kampf gegen den eigenen Körper. Aber wer will das schon? Wohl niemand.

 

Uwe Knop

Uwe Knop
Ernährungswissenschaftler 

Uwe Knop hat von 1994 bis 2000 Ökotrophologie an der Universität Gießen studiert. Seit 2000 ist er im PR-Bereich Ernährung, Medizin und Gesundheitswesen tätig. Von 2007 bis 2009 analysierte Knop hunderte Ernährungsstudien als Basis für sein erstes Buch HUNGER & LUST (Verlag BoD, Vito von Eichborn-Edition). 2013 folgte "Esst doch, was ihr wollt!" (rowohlt-Verlag, e-book-only) und für 2016 ist sein neues Buch geplant, das endgültig mit dem Märchen der gesunden Ernährung aufräumt.