Überwachung im Alltag


Wenn der Wecker klingelt, herrscht bereits die gewünschte Temperatur im Raum. Kaffee wird automatisch gekocht. Der Kühlschrank informiert uns über seinen Inhalt, nach Bedarf können Bestellungen automatisch aufgeben werden. Die Vorstellung eines denkenden Zuhauses ist für viele verlockend, das Internet der Dinge gilt als der Megatrend der Zukunft. Dock aktuelle Beispiele zeigen, dass der Transfer von Informationen von der realen in die digitale Welt auch die Gefahr der Überwachung erhöht.

"Bitte beachten Sie, dass sämtliche gesprochenen Worte, auch persönliche oder sensible Informationen, bei Ihrer Nutzung der Spracherkennung erhoben und an einen Drittanbieter übertragen werden." Immerhin, könnte man argumentieren, informierte das koreanische Unternehmen Samsung die Nutzer seiner Fernseher in der Gebrauchsanleitung über den eigenen Datenhunger. Dass neben Sprachaufnahmen über das eingebaute Mikro jedoch auch der direkte Blick von der Kamera in die privaten Räumlichkeiten ermöglicht wird, wurde verschwiegen. Abhilfe lässt sich schaffen, wenn das Mikro ausgebaut und die Kamera abgeklebt wird – dann muss der Konzern auch nicht mehr mit lästigen Garantieforderungen kalkulieren.
Wie man auch ohne Kamera an die Daten aus Schlaf- und Badezimmern gelangt, zeigte Google durch den Kauf der Firma Nest Labs für drei Milliarden Euro. Dessen CEO Tony Fadell, der bei Apple maßgeblich am Design des iPods beteiligt war, zählte der New York Times auf, welche Daten Google mit entsprechenden Sensoren an Rauchmeldern und Thermostaten sammeln kann: Wie oft wird der Kühlschrank geöffnet? Zu welchen Zeiten sind wie viele Personen in welchem Zimmer? Herrscht im Schlafzimmer Bewegung?

Neben den Internetriesen sind auch die Versicherungen an diesen  Daten interessiert. Deutsche Krankenkassen wie die AOL und die DAK bieten ihren Kunden bereits Rabatte für die Übermittlung persönlicher Gesundheitsdaten via Fitness-Apps. Der italienische Konzern Generali ist bereits einen Schritt weiter, ab Januar 2016 gibt es ein Testprogramm für Tarife, die sich komplett am individuellen Verhalten orientieren. Die Programmteilnehmer in Frankreich, Deutschland und Österreich haben angeblich die gleichen Chancen auf Vergünstigungen, für die gleichen Aktivitäten wird die gleiche Punktzahl vergeben. Doch was ist mit chronisch Kranken? Oder mit Depressiven? Und was, wenn ich meine Gesundheitsdaten für mich behalten möchte? Die Versicherung, die alles weiß, ist nicht nur für Datenschützer ein Alptraum.

Die Überwachung im Auto kommt in Zukunft vielleicht direkt mit der Lieferung. Und sie wird zur Pflicht: Ab dem Frühjahr 2018 muss jeder Neuwagen, der innerhalb der Europäischen Union zugelassen wird, den sogenannten E-Call ermöglichen. Dabei handelt es sich um ein automatisches Notrufsystem, das für die Automobilbranche kommerziell sehr spannend wird. So kann die nächste Partnerwerkstatt automatisch zum liegen gebliebenen Auto gerufen werden und nach der Reparatur ein passendes Mietauto anbieten - oder gar einen Neuwagen und die vermeintlich beste Versicherung. Das neue System soll die Daten nur im Falle eines Notfalls übermitteln. Doch interessant ist ja nicht nur, wer Informationen über uns sammelt. Sondern vielmehr, ob sie dort sicher sind.

Die schöne, neue Welt ist auch mit RFID-Chips ausgestattet. Dank Radiowellen können die kleinen Chips Informationen kabellos über Radiowellen an entsprechende Lesegeräte übertragen. In großen Lagerhallen wie der von Amazon kommunizieren einzelne Pakete ständig ihren Aufenthaltsort. In der Bekleidungsindustrie wird so der Diebstahlschutz realisiert und wer Textilien mit den Chips durch die Läden trägt, hinterlässt ein Bewegungsprofil. Nachdem entdeckt wurde, dass Textilien teilweise dauerhaft mit der Technologie ausgestattet wurden, versprachen die Hersteller, die RFID-Chips mit dem Kauf der Ware zu entfernen. Mit der Nahfeldkommunikationstechnik (NFC) wurden die Chips noch intelligenter. So können Inhalte in beide Richtungen übertragen werden, durch die Maximaldistanz von zehn Zentimetern gilt die Technik als sicherer. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass ihr unsere sensibelsten Daten anvertraut werden: Sämtliche Kreditkarten und die neueren Smartphones von Android sind mit ihr ausgestattet. Doch nicht jeder fürchtet sich vor Überwachung. In Schweden gibt es bereits eine wachsende Gruppe von Menschen, die sich RFID-Chips freiwillig unter die Haut implantieren lässt. Auch einige Ortungssysteme in Altenheimen wenden das System an, jedoch mit einem Armband und erst nach vorheriger Erlaubnis. In England gab es bereits mehrere politische Vorstöße, das Chip-Verfahren im Strafvollzug einzusetzen.

Die Liste der Beispiele ist lang. Doch wird bald jedes Wohnzimmer zum speaker’s corner? Und müssen wir Google wirklich in unser Schlafzimmer lassen? Oder der Krankenkasse erklären, wieso wir den Sportplan von letzter Woche nicht eingehalten haben? Die Antworten auf diese Fragen müssen nicht zwingend positiv ausfallen. Natürlich können nur Konsumenten geschützt werden, die mit ihren Daten vorsichtig umgehen und sich über mögliche Überwachung  informieren. Auch die Politik ist gefragt, rechtliche Grundlagen zu schaffen – und diese haben im digitalen Zeitalter sicherlich nur Bestand, wenn sie international anerkannt werden.

Arne Empen