Sport im Klartraum – das mentale Training der Zukunft

In einen Klartraum weiß man, dass man träumt und man kann dann den Traum in eine gewünschte Richtung lenken. Dieser Bewusstseinszustand eröffnet einem viele Möglichkeiten. Man kann ins Schlaraffenland gehen, ein Superstar werden oder auch Sport trainieren! Ninja Horr (24) ist Klarträumerin. „Ich fahre Ski und merke plötzlich: es ist alles viel zu einfach. Dadurch wird mir bewusst, dass ich träume. Ich fahre einfach weiter. Dann kommen Schanzen und ich springe drüber.“ Während ihrer Skiurlaube tobte sich Ninja nicht nur tagsüber auf der Piste aus, sondern fuhr nachts im Klartraum weiter. Da sie wusste, dass ihr im Traum nichts passieren kann, wagte sie riskante Manöver und genoss nebenbei noch die Landschaft.

Nachgedacht

Mentales Training im Wachzustand, also Üben nur in der Vorstellung, ist für viele Sportler ein wichtiges Element ihres Trainings. Die Effektivität von mentalen Übungen ergänzend zu körperlichem Training wurde wissenschaftlich nachgewiesen. Nun stellt sich natürlich die Frage: Warum soll man dann noch im Klartraum üben? Ganz einfach: Wer sich gut an seine Träume erinnern kann, weiß, dass das Erleben im Traum viel realer ist als in der Vorstellung: Sehen, hören und vor allem auch das Körperempfinden erleben viele im Traum so realistisch wie im Wachzustand.

Darüber hinaus bietet der Traumzustand eine Reihe kreativer Möglichkeiten, die sich in der Vorstellung nur schwer realistisch umsetzen lassen, wie z.B. der Wechsel von der Ich-Perspektive in die 3.-Person-Perspektive oder die Manipulation der Zeit. So ist es möglich, eine komplexe Bewegung in Zeitlupe auszuführen, um sich auf jeden Einzelschritt genau konzentrieren zu können.

Nachgeforscht

In unserer Forschungsgruppe in Heidelberg beschäftigen wir uns seit einigen Jahren mit dem Bewegungslernen im Klartraum. In einer Umfrage mit 840 deutschen Sportlern zeigte sich, dass das Verhältnis von Klarträumern zu Nicht-Klarträumern bei den Sportlern fast doppelt so hoch war (14.5%) wie in der allgemeinen Bevölkerung (7.5%). Neun Prozent der klar träumenden Sportler gaben an, ihre Klarträume für den Sport zu nutzen – die Mehrheit dieser sogar mit erlebtem positivem Effekt auf ihre Leistung im Wachzustand. Eine andere Studie zeigte, dass Versuchspersonen, die zu Hause im Klartraum eine Zielwurfaufgabe übten, ihre Trefferquote im Vergleich zum Vorabend verbessern konnten.

Um mehr darüber zu erfahren, wie genau Klarträumer ihre Träume nutzen um Bewegungen zu lernen und was sie dabei erleben, führte ich kürzlich über 20  Interviews mit luziden Träumern, die in ihren Klarträumen Sport trainierten. Die Erfahrungen waren insgesamt sehr bereichernd. Neben diversen Kampfsportarten trainierten die Probanden unter anderem Mountainbiking, Tauchen und Springreiten. Viele berichteten, dass sie im Traum und auch hinterher bestimmte Bewegungsabläufe besser ausführen konnten.

Reingeschaut

Fabian Holzheid (32) übte im Klartraum eine komplizierte Kickabfolge mit Sprung aus dem Kickboxen. Im Wachzustand beherrschte er diese nur, wenn er mit dem linken Fuß anfing. Im Klartraum probierte er es dann spiegelverkehrt: „Ich habe fünf  bis zehn Sekunden drüber nachgedacht, was eigentlich der genaue Bewegungsablauf ist und wie ich den umdrehe. Nach zwei Versuchen hat das geklappt, dass ich diese Kombi dann auch genau spiegelverkehrt ausführen konnte. Ich habe die noch zwei, drei Mal durchgeführt und bin dann aufgewacht.“ Beim nächsten Training konnte Fabian sie auf Anhieb auch seitenverkehrt!

Yoga-Lehrerin Clare Johnson entdeckte während des Fliegens im Klartraum eine Gruppe Menschen unter sich, die den Sonnengruß übte. „Ich flog runter zu ihnen und machte mit. Die Bewegungen waren voller wunderbarer Energie und ich konnte das Prana durch meinen Körper fließen fühlen. Nach einer Weile erwachte  ich sehr langsam, fließend. Ich konnte die Zwischenräume zwischen meinen Wirbeln fühlen und mein ganzer Körper prickelte von Kopf bis Fuß“. Der Taji- und Qi Gong-Lehrer Kai Schoppe (40) dagegen sucht auch Inspiration im Klartraum. Dort kreierte er zum Beispiel neue Bewegungsmuster oder Handpositionen, die er auch in seinen Unterricht einfließen lässt.

Angezweifelt

Oft kommt der Einwand, dass wir uns in unserer leistungsorientierten Gesellschaft doch tagsüber schon genug abrackern. Warum soll man dann noch nachts trainieren? Es ist jedem selbst überlassen, wie er eine Zeit gestaltet, ob tagsüber oder nachts im Klartraum. Außerdem ist zu bedenken, dass das Gehirn in der REM-Schlafphase, die Phase, in der die meisten Klarträume auftreten, sowieso enorm aktiv ist, egal, ob man klar träumt oder nicht. Die Muskeln sind dann praktisch gelähmt, damit wir die Bewegungen, die wir träumen, nicht ausführen. Da Klarträume meistens nur einige Minuten dauern, machen sie somit auch nur einen geringen Teil des Nachtschlafs aus.
 
Resümiert

Die meisten Probanden aus meiner Studie wollen ihre Klarträume auch in Zukunft für den Sport nutzen, da sie sich nicht nur verbesserten, sondern da ihnen das Experimentieren mit Bewegungen in diesem besonderen Bewusstseinszustand einfach Spaß macht. Nur wenige Menschen sind von Natur aus Klarträumer. Jedoch kann jeder das Klarträumen lernen. Da weiter an der Verbesserung von Methoden zur Klartrauminduktion geforscht wird und zunehmend neue Literatur sowie Hilfsmittel auf den Markt kommen, kann man für die Zukunft hoffen, dass unter anderem im Sport das Potential der Klarträume eine größere Rolle einnehmen wird. Besonders intensive Erlebnisse und Übungseffekte hat man mit Bewegungen, mit denen man auch im Wachzustand bis zu einem gewissen Grad vertraut ist. Also schnallen Sie sich nächste Nacht im Klartraum die Skates an oder setzen die Schwimmbrille auf! In diesem Sinne: Auf die Plätze, fertig, los!


Die Autorin Melanie Schädlich, Diplom-Psychologin, promoviert am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg zum Thema „Bewegungslernen im Klartraum“