Kontra Stopfleber: Tierleid als "Kulturerbe"

Frankreich hat seine Stopfleber 2006 zum "Kulturerbe" erklärt. Dadurch sollte die Feinkost vor ihren Kritikern geschützt werden, die das Stopfen von Enten als "Tierquälerei" betrachten. In der Forschung herrscht jedoch Uneinigkeit. ARTE Future hat die Kontroverse um das Wohl und Weh von Stopfenten zu entwirren versucht. - Die Gegenperspektive zur Kritik finden sie hier.

Wie viel Stolz gewinnt Frankreich aus einem staatlich geschützten "Kulturerbe", das in fast allen anderen EU-Staaten wegen seiner Grausamkeit verboten ist? Jedes Jahr haben drei Franzosen jeweils zwei Enten zu verantworten, die zur Verfettung ihrer Leber gestopft wurden. Beim Stopfen wird der Ente ein Trichter (der sogenannte "Embuc") in den Rachen geschoben, der ihr so viel Maisbrei durch die Speiseröhre pumpt, wie wenn ein ausgewachsener Mann in drei Sekunden zehn Kilogramm Spaghetti vertilgen würde - und das zwei Mal am Tag, über zwei bis drei Wochen hinweg!

Die französische Tierschutzorganisation L214 - benannt nach dem Artikel im Landwirtschaftsgesetzbuch, der Tiere als "leidensfähige Lebewesen" (êtres sensibles) anerkennt und artgerechte Haltung vorschreibt - hat im Jahr 2013 in sechs französischen Großbetrieben dokumentiert, unter welchen Bedingungen günstige Stopfleber produziert wird. In den Videos ist zu sehen, dass die Enten in kleinen, verdreckten Einzelkäfigen eingeklemmt sind. Ihr Gefieder ist schmutzig zerzaust, viele keuchen und haben offene Wunden. Einige lassen sich zusammengebrochen aus dem Käfig hängen. 

Marie-Pierre Pé, Generalbeauftragter des Berufsverbands der Stopfleberproduzenten (Comité Interprofessionnel des Palmipèdes à Foie Gras - CIFOG), hat die Missstände selbst eingestanden. "In den 80ern", rechtfertigte Pé sich, "stammten 30 bis 35 Prozent der Stopfleber aus Osteuropa. Die Produktion musste verbessert werden, um wettbewerbsfähiger zu werden. Dabei sind wir vielleicht zu weit gegangen." Mit den Einzelkäfigen sollte erreicht werden, die Entenhälse beim Stopfen möglichst schnell nacheinander zu greifen zu bekommen. Und je weniger sie sich bewegen konnten, desto weniger Fett bauten sie ab.

In Kalifornien, wo bis 2014 ebenfalls Stopfleber hergestellt wurde, haben ähnliche Enthüllungsvideos zu einem Produktions- und Verkaufsverbot geführt. In Frankreich tat sich selbst mit der vom Europarat 2011 aufgetragenen und finanziell geförderten Abschaffung der Einzelkäfighaltung schwer - im Jahr 2014 hatten von 124 befragten Produzenten gerade einmal 47 auf kollektive Käfige gewechselt. Dabei handelt es sich in der Regel um zwei Quadratmeter große Boxen mit vier bis sechs Vögeln, auf die beim Stopfen ein Gitter herabgelassen wird, durch das ihre Hälse separat fixiert werden. Im ungünstigen Fall werden sie dabei eingeengt und in Panik versetzt.

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Stopfen auf einem kleinen Hof im Périgord in Südwest-Frankreich (2014; Quelle L214).

Glaubt man CIFOG, lieben die Franzosen ihre Stopfleber zu sehr, um davon zu lassen. Eine Umfrage von YouGov im Auftrag von L214 ergab 2015 jedoch, dass über zwei Drittel aller Franzosen bei vergleichbarem Geschmack ungestopfte Fettleber bevorzugen würden - weshalb auch jeder Zweite einem Stopf-Verbot zustimmen würde.

Treuer als die Franzosen blieb dem CIFOG bislang der französische Staat. Als im Jahr 2004 die "besorgniserregenden Hetzkampagnen"  gegen Stopfleber zunahmen, erhöhte Landwirtschaftsminister Hervé Gaymard seinen Zuschuss zu den jährlich insgesamt zwei Millionen Euro, "die dieser Organisation ermöglichen sollen, ihre Kommunikationsaktionen auszubauen". Mit diesem Geld informiert CIFOG die Öffentlichkeit über die "natürliche Fähigkeit" der einstigen Wandervögel, sich zu überfressen und Fett anzusetzen. Das Stopfen sei daher keine Belastung für die Tiere, sondern die einzige Methode, eine qualitativ hochwertige Fettleber zu gewinnen. Das wurde vom Ministerium im Jahr 2006 auch offiziell festgeschrieben: Laut Landwirtschaftsgesetz L654-27-1 darf nur die Leber gestopfter Tiere als "foie gras" bezeichnet werden!

Doch der Natürlichkeits-Mythos des CIFOG wurde bereits 1998 durch einen Bericht des Experten-Komitees der EU für Tiergesundheit und Tierschutz (engl. AHAW) widerlegt. Unter Leitung von Pierre Le Neindre, dem Wissenschaftskoordinator von Frankreichs Agrarwissenschaftlichem Forschungsinstitut INRA, ermittelte das Komitee die pathologischen Folgen der Stopfmast.

Durch das schnelle Stopfen weiten sich der Studie zufolge die Speiseröhre und der Unterleib, was zu Gleichgewichts- und Fortbewegungsstörungen führt. Die überfütterten Vögel produzieren zu viel Körperwärme, weshalb sie – trotz der riesigen Belüftungssysteme in ihren Ställen – vor Hitzestress durch ihren offenen Schnabel schnaufen. Zugleich leiden viele unter Durchfall und Erbrechen. Insbesondere die Leber – also das Organ, das später auf dem Teller landet – erreicht nach ihrer zweiwöchigen Verfettung ein krankhaftes Stadium von "Steatosis Hepatis", das jede natürliche Kapazität übersteigt. Laut Bericht ist die Leber "in ihrer normalen Funktion [der Entgiftung] ernsthaft eingeschränkt" und von solcher Übergröße (medz. Hypertrophie), dass sie auf andere Organe wie die Lunge drückt und daher Atemnot verursacht.

Ungeachtet dieser internationalen Enquête kommt das Agrarwissenschaftliche Forschungsinstitut Frankreichs, das INRA, in einer vom CIFOG mitfinanzierten Studie zu dem Schluss, dass es "keine wissenschaftliche Hinweise gibt, die zu behaupten erlauben, dass der Vorgang des Stopfens den Tieren schade". Eine unabhängige Analyse der University of Cambridge kam 2015 jedoch zu denselben Ergebnissen wie die EU-Studie: Die Enten wiesen Wunden im Kopfbereich, an den Füßen und im Magen auf. Ihre Fettleibigkeit zwinge sie überlange zu liegen. Sie verlören Federn und hörten auf, sich zu pflegen oder zu interagieren. "Der pathologische Zustand der Leber" steht für Donald Broom, Professor für artgerechte Tierhaltung der Cambridge Universität, "außer Zweifel".

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Inzwischen durch Kollektivkäfige ersetzt: Einzelkäfighaltung in einem französischen Großbetrieb (2008; Quelle L214).

Es fällt schwer zu glauben, dass sich ein Wandervogel ohne Zwang in einen solchen Zustand fräße – wund, überhitzt, leberkrank und bewegungsunfähig. Die Enten erhalten täglich zwei bis drei Mal mehr Futter, als sie von sich aus maximal aufnehmen würden. Den Produkteuren ist bewusst, dass sie das Stopfen nicht viel länger als zwei Wochen betreiben können, da sonst die Sterberate zu hoch ausfiele. In der gängigen Praxis liegt sie bereits neun Mal höher als in der normalen Aufzucht. Darum werden auch nur die robustesten Männchen zur Stopfmast herangezogen - die restlichen 30 Millionen weiblichen Küken werden gleich nach der Geburt lebendig geschreddert.

Der Berufsverband CIFOG kann die Haltungsbedingungen der Enten und Gänse in Frankreich durch eine strenge Charta verbessern, die pathologischen Folgen des Stopfens blieben doch dieselben. Zudem wird ein Fünftel der Stopfleber Frankreichs aus Osteuropa importiert, wo man keine Kontrolle über die Haltung der Tiere hat - und dieser Anteil wird 2016 aufgrund der Vogelgrippe in Südwest-Frankreich sogar noch höher ausfallen.

Doch Osteuropa kann uns auch zeigen, dass es anders geht. Polen war bis 1999 der weltweit fünftgrößte Produzent von Stopfleber. Als die EU auf Grundlage des genannten Berichts eine Europäische Direktive verabschiedete, die unnötiges Tierleiden durch Überfütterung untersagt, setzte das Land diese konsequent in ein nationales Verbot der Stopfmethode um.

Unnötig ist das Leiden der Enten vor allem deshalb, weil sich Fettleber auch ohne Stopfen herstellen lässt - das ist zwar aufwendiger und teurer, wäre aber ein Kulturerbe, dass sich besser mit europäischen Tierschutzstandards und dem eigenen Gewissen vereinbaren ließe. Nicht nur Frankreich ist hier gefragt - in Spanien, Belgien, Ungarn und Bulgarien besteht die Stopftradition ebenfalls noch. In anderen Ländern wie Deutschland, Großbritannien und der Schweiz ist hingegen zwar die Produktion von Stopfleber verboten, nicht aber ihr Import und Verkauf.

Als die Kölner Veranstalter der weltweit größten internationalen Ernährungsmesse Anuga es 2011 wagten, Stopfleber aus ihrem Angebot zu verbannen, drohte Frankreichs Landwirtschaftsminister Bruno le Maire mit einem Boykott - und setzte sich durch. Der Erfolg eines Umdenkens hängt letztlich von den Franzosen ab und ihrer Bereitschaft, ihrer Verantwortung für das Tierwohl von 38 Millionen Enten und 900.000 Gänsen nachzukommen.

Patrick Jütte