Sharing Economy - der Weg in eine neue Konsumkultur?

Tauschen statt kaufen, leihen statt besitzen. Überall entstehen getragen von nachhaltigen wie ökonomischen Motiven, neue Geschäftsmodelle und – potentiell – eine alternative Konsumkultur. Aus Konsumenten werden Nutzer. Diese Entwicklung ist ein grundlegender kultureller Umbruch, der im Wesentlichen durch Technologieentwicklung und Wertewandel begründet ist. Das Time Magazine hat diese neue Konsumform zu einer der zehn großen Ideen erkoren, die die Welt verändern werden.

Jörg-Daniel Hissen, Autor der zweiteiligen Dokumentation "Sharing Economy", fasst das Phänomen und seine Auswirkungen zusammen.

Angesichts dieses neuen Trends, der weltweit in rasantem Tempo Einzug hält und unter „Sharing Economy“ zusammengefasst wird, stellt sich die Frage ob diese neue Form des Wirtschaftens und Konsumierens unsere Gesellschaft nachhaltig verändern wird? Sind wir auf dem Weg in eine neue Konsumkultur und was bedeutet das für unsere Zukunft?

Mein Haus, mein Boot, mein Auto! Ich konsumiere, also bin ich! Haben statt sein! Individueller Besitz und Konsum sind zentrale Merkmale einer auf materiellen Wohlstand ausgerichteten Wirtschafts- und Lebensweise. Das Glücksversprechen der individualisierten Konsumgesellschaft wird seit einiger Zeit, nicht zuletzt wegen der globalen Rezession, die unsere Vorstellung von Wohlstand erschüttert hat, von den unterschiedlichsten Seiten in Frage gestellt. Parallel zu diesen kritischen Betrachtungen entsteht an vielen Orten in Wirtschaft und Gesellschaft etwas Neues: Überall wird jetzt getauscht. Die zentrale Rolle spielt dabei das Internet. Angetrieben von den neuen technologischen Möglichkeiten  und einem gesteigerten Umwelt- und Nachhaltigkeitsbewusstsein hilft das World Wide Web 2.0, also das zum sozialen Medium weiter entwickelte Internet, den Menschen sich mit anderen auszutauschen und Dienstleistungen und Produkte zu finden und zu bewerten. Die Devise heißt „Nutzen statt Besitzen“. 

Die Sharing Economy umfasst so unterschiedliche Praktiken wie Wohnungstausch, Carsharing, Kleidertauschpartys, Autogemeinschaften, Gemeinschaftsgärten, Tauschringe für Werkzeuge, Angebote von lokalen Dienstleistungen. Online- Plattformen der Sharing Economy ermöglichen es, schnell und unkompliziert denjenigen zu finden, der (oder die) das hat, was ich brauche. Mit der Verbreitung digitaler Leih-, Miet- und Tauschmodelle entstehen neue Geschäftsformen, die sich auf einer neuen „Währung“ gründen: Vertrauen. Vertrauen, dass der andere meine Dinge gut behandelt und mich nicht hinters Licht führt, obwohl ich den anderen noch nie gesehen habe. Und so sprießen weltweit Start-ups und private Initiativen aus dem Boden, welche diejenigen zusammen führen, die gleiche Interessen haben: die leihen, tauschen, teilen oder schenken wollen. 

Gemäß dem  Buch „What‘s mine is yours“ von der amerikanischen „Collaborative Consumption Ikone“ Rachel Botsman und ihrem Kollegen Roo Rogers ist die Entwicklung von „kollaborativem Konsum“ als Kern einer Ökonomie des Teilens ein grundlegender kultureller Umbruch, der im Wesentlichen durch Technologieentwicklung und Wertewandel begründet ist. Wertewandel bezieht sich in diesem Zusammenhang auf eine kritische Haltung gegenüber einem linear gedachten Zusammenhang zwischen materiellem Wohlstand und Lebensqualität einerseits sowie auf die wachsende Bedeutung nachhaltiger Entwicklung andererseits. 

Schließlich weisen die Autoren Botsman und Rogers daraufhin, dass das Web 2.0 die Sozialorientierung des Menschen befördert und zu einer Stärkung des „Wir“ im Gegensatz zum „Ich“ führt. Die ebenso tiefgreifenden und weitreichenden Veränderungsdynamiken, die das Internet ausgelöst hat, sind nicht zuletzt relevant für die Sphäre des Konsums. Neben neuen Marketing- und Vertriebswegen, erweiterten Möglichkeiten der Konsumentenbeteiligung an Produktgestaltung oder wachsenden Anforderungen an dialogische Kundenkommunikation ist für das Thema der Ökonomie des Teilens und „kollaborativen Konsums“ die Weiterentwicklung des Internets zum sozialen Medium (Web 2.0) von zentraler Bedeutung. Laut Co-Konsum-Pionierin Rachel Botsman laufen bald Vertrauensvorschüsse und ein guter Ruf als wichtige Währungen unserem finanziellen Vermögen den Rang ab. Investieren lässt sich künftig am besten durch vertrauen, vernetzen, testen, empfehlen – und teilen. 

Es ist vor allem die Jugend, die den Weg hin zu einer anderen Form des Konsums anführt: Vermieten, verleihen und sogar Ware teilen, anstatt sie zu kaufen, wird immer beliebter. Das kostet weniger Geld, schont die Ressourcen und ist gut für das Selbstbild. Die Sharing Economy bietet die perfekte Passform für den urbanen Lebensstil, in dem es viele Nachbarn und wenig Platz gibt. Dabei erweist sich der wirkliche Nutzen als ein sozialer. „Nutzen statt Besitzen“ ermöglicht es, durch Vertrauen sinnvolle Verbindungen herzustellen. „Peer-to-Peer-Sharing“, das Teilen zwischen Mitgliedern einer bestimmten Community, „beinhaltet das erneute Auftreten der Gemeinschaft", sagt Rachel Botsman, „und das funktioniert, weil die Menschen einander vertrauen können, und wir sehnen uns zu vertrauen und vertrauenswürdig sein.“ 

Mit Blick auf die potentiell positiven Nachhaltigkeitswirkungen dieser neuen Konsumformen sind Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aufgefordert die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die Ökonomie des Teilens und „kollaborativer Konsum“ als Ergänzung zur Eigentums-Ökonomie und zum individualisierten Normalkonsum ihre Entwicklungspotentiale entfalten können. Eine gemeinschaftliche Konsumkultur birgt das Potenzial, den Ressourcenverbrauch jeden Einzelnen zu senken und gleichzeitig die Lebensqualität zu halten oder sogar zu erhöhen. Die Politik ist jetzt aufgefordert Rahmenbedingungen zu schaffen, die das Vertrauen in „Nutzen statt Besitzen“-Dienstleistungen und ihren Markterfolg stärken.

Eindeutig ist aber, dass der schnell wachsende Umfang der „Sharing Economy“ immer mehr traditionelle Wirtschaftszweige beunruhigt und es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Wirtschaftslobbyisten die Politik bitten, die „Sharing Economy“ durch Besteuerung und Regulierung unattraktiver zu machen. Schon seit einiger Zeit zittern viele Hoteliers in Paris oder Berlin angesichts der rasanten Zuwachszahlen privater Wohnungsvermietungen über AirBnB oder andere Anbieter. Die Stadt Berlin hat den „illegalen Privatvermietungen“ bereits den Kampf angesagt. Auch etablierte Konzerne versuchen mehr und mehr, von dem Trend des Teilens und Tauschens zu profitieren.

Insofern sind der politische Gestaltungsbedarf aber auch die Gestaltungs-möglichkeiten nicht zu unterschätzen. Im Sinne einer „smart regulation“ wird daher zur Weiterentwicklung einer Ökonomie des Teilens ein intelligenter Mix unterschiedlicher gesetzlicher, anreizorientierter, informatorischer und dialogischer Instrumente notwendig. Da der marktwirtschaftliche Kapitalismus unmittelbar betroffen ist, muss es in der politischen Debatte unweigerlich auch um Macht- und Interessen-Auseinandersetzungen gehen.

Die „Sharing Economy“ bringt vielfältige ökonomische, soziale und ökologische Vorteile mit sich, stellt aber zugleich das auf Wachstum basierende Wirtschaftssystem und damit verbunden die Politik vor große Herausforderungen. 

In einer Gesellschaft, in der die Sharing Economy angekommen ist, geht es jetzt um die zentrale Frage „Teilen versus Wachstum“, d. h. welche Kraft hat der Wachstumsgedanke in der Welt? Welche politischen Kräfte stützen ihn, welche stehen dagegen? Welche Möglichkeiten und welche Gegner hat das moderne Teilen? Sicher ist: Die „Sharing Economy“ fordert die bestehende Wirtschaftsordnung heraus.

Wir erleben einen fundamentalen Wandel: Aus anonymen Konsumenten werden Nutzer, die miteinander kommunizieren. Und der Konsument ist nicht mehr passiv, sondern speist aktiv seine Güter in den Kreislauf des Tauschens und Teilens ein - entweder aus Überzeugung oder um mit brachliegendem Besitz Geld zu verdienen oder gleich beides.

Auch in den Medien diskutiert man längst die Frage, ob diese neue Kultur des Teilens jetzt gut oder doch verwerflich sei. Längerfristig ist eine Diskussion von Nöten, welche die gesellschaftlichen Folgen vieler Geschäftsmodelle der Sharing Economy sind. Viele der großen Player der Sharing Economy wie Airbnb oder Uber sehen sich als disruptive Unternehmen, als Firmen also die mit Innovationen alte Geschäftsmodelle zerstören und Standards und branchenübliche Vorschriften, die über lange Zeit in den jeweiligen Branchen galten, aushebeln. 

Gleichzeitig sind diese Unternehmen Anhänger einer libertären Ideologie, d. h.  je weniger Regeln desto besser. Gefragt ist nun auf der einen Seite der Staat, der sich positionieren muss und ein Regelwerk erarbeiten muss, welches die positiven Seiten der Sharing Economy fördert und die dunklen Seiten, wie das Untergraben von geltendem Arbeitsrecht, Steuerschlupflöcher oder Sicherheitsrisiken wegen fehlender Sicherheitsstandards untersagt. Die neuen Internetplattformen werden weiter wachsen, aber sie dürfen nicht Regeln, die in unserer Gesellschaft lange gut funktioniert haben, brechen. Allerdings sind nicht nur Regierungen und Gerichte gefragt, sondern vor allem der Konsument selbst. Letztendlich entscheidet er, welchem Internetservice der Sharing Economy er vertraut und welchen er bewusst meidet.

Ziel muss es sein, dass jeweils die Regionen, in denen die einzelnen Geschäfte der Sharing Economy stattfinden, auch lokal von ihr profitieren sowohl in nachhaltiger, als auch in sozialer und eben auch in finanzieller Hinsicht, was Gewinne und Steuern betrifft.

 

Quellen: 

DER SPIEGEL
Kalifornischer Kapitalismus
http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/128743727 

SPIEGEL ONLINE
Anleitung für den Uber-Menschen
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/uber-und-airbnb-ethik-der-share-economy-a-988612.html 

ZEIT ONLINE
Teile und verdiene
http://www.zeit.de/2014/27/sharing-economy-tauschen