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Strände in Gefahr?

Aktualisiert am: 07 Juli 2014

Sand ist aus zahlreichen Alltagsprodukten nicht mehr wegzudenken. Vor allem aber ist der begehrte und kostengünstige Rohstoff Hauptbestandteil von Beton. Da Wüstensand nicht zur Verarbeitung zu Beton geeignet ist und der Sand aus Flussbetten und Kiesgruben langsam zur Neige geht, hat die boomende Bauwirtschaft nun den Meeresboden ins Visier genommen – mit verheerenden ökologischen Folgen. Rund um den Globus hat die gestiegene Nachfrage nach dem Rohstoff bereits zum Verschwinden ganzer Strände und Inseln geführt.

Umweltprogramm der Vereinten Nationen greift das Thema Sandabbau auf

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP hat dem Thema Sandabbau im März einen ausführlichen Bericht gewidmet. Der Artikel skizziert die dramatischen Folgen des weltweiten Sandabbaus und weist auf die Notwendigkeit der Entwicklung neuer Baustoffe hin.

Die Autoren beziehen sich in der Studie ausdrücklich auf die Dokumentation von Denis Delestrac "Sand, die neue Umweltzeitbombe", die auf ARTE am 28. Mai 2013 erstausgestrahlt wurde..

UNEP: Studie zum Thema

  • Sand

"Flächen, in denen früher schon einmal Sand verbaut wurde, müssen recycelt werden."

Auch in Deutschland wird an den Küsten und im Meer Sand und Kies abgebaut weiß Jochen Lamp, Leiter des WWF Ostsee-Büros in Straslund. Lamp setzt sich schon seit Jahren für den Küstenschutz an der deutschen Ostsee ein. ARTE hat ihn zur aktuellen Lage in der Ostsee berfragt.

Jochen Lamp, WWFWie schätzen Sie als Ostsee-Experte die aktuelle  Lage ein? Wieviel Sand und Kies wird pro Jahr in der Ostsee abgebaut?

Der Sand- und Kiesabbau in der Ostsee hängt stark davon ab, welche Infrastrukturmaßnahmen geplant sind. Im Jahr 2006 waren es beispielsweise 2,3 Millionen Tonnen. Je nach geplanten Bauvorhaben variiert diese Zahl jedoch stark. Als 2010/11 die Ostseepipeline gebaut wurde,  schnellte der Bedarf zum Beispiel in die Höhe.

In Frankreich sind durch den Sandabbau vor allem auch Strände und Dünen betroffen. Wie ist die Lage in Deutschland?

Die Lage in Deutschland ist je nach Ort unterschiedlich. In einigen Gebieten wird Sand tatsächlich vor den Stränden abgebaut, der dann jedoch für Standaufspülungen zur Stabilisierung der Küste verwendet wird. In anderen Bereichen, wo der Sand direkt vom Meeresboden abgebaut wird, ist kein direkter Einfluss auf die Strände zu verzeichnen.

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Welche Lebewesen sind konkret von dem Sandabbau im Meer betroffen?

Betroffen sind natürlich alle im Sand lebenden Meeresbewohner, vor allem aber Muscheln und Sandaale. Sandaale sind kleine Fische, die einer Reihe von größeren Fischen und Seevögeln als Nahrung dienen. Besonders in der Nordsee sind unzählige Lebewesen betroffen.

Studien zeigen, dass Sand am Land nur noch bis 2098 gefördert werden kann. Welche Konsequenzen wird das für den marinen Abbau haben?

Die gesamten Konsequenzen können wir momentan noch nicht abschätzen. Es ist aber davon auszugehen, dass der Druck auf die marinen Lebensräume größer werden wird, weil sich Sand zu einer knappen Ware entwickelt. Sand kann nicht beliebig weit transportiert werden, da die Transportenergiekosten zu hoch sind. Daher wird weiter auf den Sand aus näheren Räumen zurückgegriffen werden.

Welche Alternativen sehen Sie zum marinen Sand- und Kiesabbau sowie zum Sandabbau im Allgemeinen?

Flächen, in denen früher schon einmal Sand verbaut wurde, müssen recycelt werden. Wenn neue Straßen gebaut werden, müssen alte Straßen wieder abgebaut werden um den Sand wiederzuverwenden. Die Altmaterialien können zum Beispiel als Unterfütterung verwendet werden. Generell müssen jedoch bis in die 2090er sparsamere Baumaßnahmen gefunden werden.

Das Interview führte Nora Laufer

  • Sandbbau
  • Ostsee
  • Jochen Lamp

"Wo ist unser Sand geblieben?"

  • ITW PLATEAU MARDI SAND - REAL DELESTRAC

    " Wo ist unser Sand geblieben? " - Interview mit Denis Delestrac

    Freitag, 1. November um 00:00 Uhr (3 min)

    Producer: 
    ARTE PRODUCTIONS EXECUTIVES

Interview mit Regisseur Denis Delestrac

  • Sand
  • Rohstoff

Krieg um den Sand

Vom Handy bis zur Autobahn – Sand ist überall. Der weltweite Handel mit der unentbehrlichen Ressource boomt – auf Kosten der Natur. Der Geologe Michael Welland spricht über zerstörte Strände und die Macht der Sand-Mafia.

Er ist in Glas, Kosmetik, Mikrochips oder Flugzeug-rümpfen enthalten – Sand ist unsichtbarer Bestandteil unzähliger Produkte. Der Verbrauch ist enorm: 200 Tonnen Sand stecken in einem mittelgroßen Haus, 30.000 Tonnen in einem Kilometer Autobahn und für ein Atomkraftwerk werden zwölf Millionen Tonnen benötigt. Weltweit verbrauchen wir fast so viel Sand wie Wasser, durch die wachsende Erdbevölkerung steigt der Bedarf weiter an. Der kostenlose Rohstoff ist begehrt und wird seit Langem weltweit gefördert – ein regelrechter Krieg um Sand hat bereits begonnen. Die Folgen sind fatal: Inseln verschwinden im Meer, Menschen verlieren ihre Existenzgrundlage, Tiere ihren Lebensraum. Zum ARTE-Dokumentarfilm „Sand – Die neue Umweltzeitbombe“ spricht das ARTE Magazin mit dem Geologen und Buchautor Michael Welland über den folgenschweren Handel mit einer endlichen Ressource.

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ARTE: Verschwinden unsere weltweiten Vorkommen an Sand?

 

MICHAEL WELLAND: Ein großer Teil des Sandes auf unserer Erde ist inzwischen in Beton eingeschlossen – der Bausektor verschlingt immer mehr Sand. Dieser immense Bedarf hat schwerwiegende Folgen auf lokaler und globaler Ebene. Seit Jahrzehnten wird Raubbau betrieben und natürlich verschlimmert das ständige Anwachsen von Erdbevölkerung und Wirtschaft die Situation noch.

 

ARTE: Welche Folgen hat dieser Raubbau langfristig für die Umwelt?

 

MICHAEL WELLAND: Weil Sand leicht von Wind und Wasser transportiert wird, ist er das dynamischste geologische Material der Erde und für das Gleichgewicht der Erdkruste unersetzlich. Wenn man an einem Strand, in einem Flussbett oder auf dem Meeresgrund große Mengen davon abbaut, greift man in ein äußerst kompliziertes und dynamisches Ökosystem ein, in dem sich der Sand je nach Gezeiten, Wasser- und Windströmungen ablagert. Die intensive Nutzung verändert sein natürliches Verhalten also vollständig.

 

ARTE: Haben Sie konkrete Beispiele dafür?

 

MICHAEL WELLAND: Nehmen Sie die verheerenden Verwüstungen an der amerikanischen Ostküste durch den Hurrikan Sandy im Oktober letzten Jahres: Sobald man zu nah an die Küste heranbaut und Dünen zerstört, verlieren die Strände ihre Funktion als natürlicher Schutzwall gegen derartige Stürme. Die negativen Auswirkungen eines jeden Sturms, der heute über ein bebautes Küstengebiet hinwegfegt, werden somit erheblich verstärkt.

 

ARTE: Und was passiert beim Sandabbau im Meer?

 

MICHAEL WELLAND: Baggerschiffe pumpen tonnenweise Sand und Wasser nach oben – und damit alles, was auf dem Meeresboden lebt. Vor der Küste Sumatras ist das gesamte Ökosystem erschüttert, die einheimischen Fischer verlieren oft ihre Existenzgrundlage. Jahrhundertelang war die Fischerei hier eine sichere Einnahmequelle.

 

ARTE: Warum ist Sand so begehrt?

 

MICHAEL WELLAND: Sand wird zum größten Teil im Bausektor verbraucht, da der Rohstoff sehr kos-tengünstig ist. Daneben enthalten bestimmte Sandarten Minerale von hohem kommerziellen Wert wie zum Beispiel Gold oder Diamanten. In Namibia zum Beispiel wird massenhaft diamanthaltiger Sand gefördert und in Indonesien sind zinnhaltige Sande zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden. Auch eisenhaltige Sandarten sind begehrt, weil sie Metalle wie Titan enthalten. Rund um den Sand hat sich weltweit ein ganzer Schwarzmarkt entwickelt.

 

ARTE: Kann man messen, um wie viel Geld es beim Geschäft mit dem Sand hat?

 

MICHAEL WELLAND: Es ist schwierig, das in Zahlen zu fassen, denn Sand ist ein Rohstoff, der nichts kostet und wie Luft oder Wasser wirtschaftlich nicht quantifizierbar ist. Bezahlt werden nur die Arbeitskraft und der Transport. Lediglich legale, internationale Transaktionen werden somit statistisch erfasst. Dabei laufen die meisten Geschäfte auf lokaler Ebene ab: Ein Land mit florierendem Bausektor greift eher auf seinen eigenen Sand zurück, wenn es welchen hat. Ein Beispiel dafür ist China, wo der verwendete Sand vor allem aus dem Landesinneren stammt. Dasselbe gilt für Marokko, Vietnam und Indien. Hinzu kommt ein weiteres Phänomen: Während Sand immer knapper wird und zaghafte Regulierungsmaßnahmen ergriffen werden, um ihn zu schützen, floriert das illegale Geschäft – und die Sand-Mafia liefert natürlich keine statistischen Angaben.

 

ARTE: Wie hoch ist der Sandverbrauch weltweit?

 

MICHAEL WELLAND: Man schätzt, dass jährlich zwei Tonnen Beton pro Erdbewohner produziert werden. Das entspricht zehn bis 15 Milliarden Tonnen Sand, die aus der Natur entnommen werden. ARTE: Warum verwendet die Baubranche nicht Sand aus der Wüste, wo es doch genug davon gibt?

 

MICHAEL WELLAND: Die Struktur von Wüstensand unterscheidet sich stark vom Meeressand: Durch permanente Reibung mit Wind sind Sandkörner aus der Wüste unter dem Mikroskop betrachtet so abgerundet, dass sie sich nicht als Baustoff eignen, sie verfestigen sich nicht. Der raue Sand aus dem Meer hingegen schon. So erklärt sich, warum Dubai trotz seiner Wüsten von Sandimporten abhängt, zum Beispiel aus Australien.

 

ARTE: Warum steht das Thema in der Politik nicht auf der Tagesordnung?

 

MICHAEL WELLAND: Die Öffentlichkeit ist sich der dramatischen Lage nicht bewusst. Die meisten Menschen, leider auch politische Entscheidungsträger, nehmen Sand nicht als bedrohte Ressource wahr, die geschützt werden muss. Weltweit haben die Bedürfnisse der Wirtschaft und insbesondere des Bausektors Vorrang. Zudem werden die zaghaften Vorschriften, die zum Schutz von Stränden und Meeresböden ergriffen werden, oft nicht umgesetzt und sind damit nutzlos. Man kann nicht an jedem Strand Polizisten aufstellen. Und noch dazu unterhält die Sand-Mafia in vielen Ländern Beziehungen zu höchsten Kreisen und kann in aller Ruhe ihren illegalen Geschäften nachgehen wie im Senegal oder in Marokko: Dort baut die Mafia rund 45 Prozent der Sandstrände ab, radikal und profitorientiert – ein ökologisches Fiasko.

 

ARTE: Ist es bereits zu spät, um etwas gegen die Auswirkungen des Sandabbaus zu unternehmen?

 

MICHAEL WELLAND: Für Inselbewohner, deren Zuhause im Meer versunken ist oder Fischer, deren Netze leer bleiben, ist es bereits zu spät. Nun geht es darum, die Menschen zu informieren. Sie müssen begreifen, dass wir Sand nicht weiterhin in diesem Maße und zu einem so geringen Preis verbrauchen dürfen.

 

ARTE: Könnte man Sand denn ersetzen?

 

MICHAEL WELLAND: Alles, was auf Grundlage von Sand hergestellt wird – Glas oder Beton –, kann recycelt werden, um Sand daraus zu gewinnen. Doch weil Sand so wenig kostet, sind diese Bemühungen derzeit nur wirtschaftliche Randerscheinungen, die die massive Nachfrage nicht stillen können. Es bräuchte einen starken politischen Willen, um andere Wege zu gehen. Und Wege gibt es viele! Die Menschheit hat ja nicht auf die Erfindung von Stahlbeton gewartet, um stabile Gebäude zu errichten.

 

 

Interview: Irène Berelowitch für das ARTE Magazin

  • Sand
  • Rohstoff

Sand: Zahlen und Fakten

 

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Küstenschutz in Frankreich

  • Interview de Norbert Métairie

    Küstenschutz in Frankreich - Interview mit Norbert Métairie

    Freitag, 1. November um 00:00 Uhr (3 min)

    Producer: 
    ARTE G.E.I.E PRODUCTIONS EXECUTIVES

Küstenschutz in Frankreich - Interview mit Norbert Métairie, Bürgermeister von Lorient

  • Sand
  • Küstenschutz

Sand - die Debatte

  • La Guerre Du Sable - Debat

    Gesprächsrunde

    Mittwoch, 9. April um 11:00 Uhr (16 min)

    Recording Date: 
    Montag, 27. Mai 2013 - 0:00

Sand - die neue Umweltzeitbombe? Andrea Fies im Gespräch mit Regisseur Denis Delestrac und dem Politiker Norbert Métairie.

  • Sand
  • Debatte

Vaclav Smil: Making the Modern World .

Vaclav Smil, Autor von „Making the Modern World: Materials and Dematerialization“

Wie beeinflussen Metall, Beton und Zement unser Leben? Wie können sie in Zukunft nachhaltig eingesetzt werden, um Millionen von Menschen in expandierenden Ländern wie China oder Indien zu versorgen?

Lesen Sie den gesamten Artikel mit vielen zusätzlichen Informationen im Blog von Bill Gates.

  • Vaclav Smil
  • Bill Gates