Verhütung - hat die Pille ausgedient?

Seit Anfang 2013 steht die Antibabypille, der einstmalige Star unter den Verhütungsmitteln, unter Verdacht. Sie soll unter anderem für Thrombosen und Schlaganfälle verantwortlich sein. Es entstand eine Vertrauenskrise zwischen Herstellern und Nutzerinnen, deren Anzahl seither stetig gesunken ist. Die Pille wirft Fragen auf und macht Angst. Davon zeugt auch der Wandel beim Gebrauch von Verhütungsmitteln, sowohl auf weiblicher als auch auf männlicher Seite.

2012 kämpfte Marion Larat um Schadensersatz. Die Französin hatte einen Schlaganfall erlitten, nur vier Monate, nachdem sie mit der Einnahme von Meliane begann, einer sogenannten "Pille der dritten Generation". Noch immer ist die junge Frau zu 75 % behindert. Vier Jahre später ereilte Leslie Pervieux nach Einnahme der gleichen Pille ein ähnliches Schicksal. Bayer, der Hersteller dieses Präparats, kam vor Gericht und geriet daraufhin in eine der größten Krisen der Firmengeschichte. Dies hatte weitreichende Folgen. So wurde auch gegen andere Hersteller von Antibabypillen der dritten und vierten Generation hundertfach Klage erhoben. Meliane, Yasmin, Yasminelle, Melodia, Moneva und Diane 35: Sie alle stehen unter Verdacht, Thrombosen verursacht zu haben.

Die Sicht auf Verhütungsmittel ändert sich

Diese Vorfälle führten in der Öffentlichkeit zu einem Umdenken. Die Einnahme einer Pille, von der weder die Zusammensetzung noch die langfristigen Auswirkungen auf den Körper wirklich bekannt sind, wird allgemein hinterfragt. Nach Jahren der Unsicherheit werden nun Sorgen, verschiedene Meinungen und Positionen laut. In dieser Kakophonie von Stimmen aus Pharmaindustrie und Medien bleiben die Opfer verbittert zurück. „Viele Nutzerinnen reagierten, indem sie die Pille absetzten. Wir konnten einen Anstieg von Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüchen feststellen. Erst nach und nach kamen die Dinge wieder ins Lot“, erklärt Laurence Granse, Krankenschwester in einer Schwangerschaftsberatungsstelle bei Paris.

„Frauen, die heute immer noch die Pille der dritten Generation nehmen, taten dies bereits vor der Krise“

In den 90er Jahren wurden die Pillen der dritten Generation noch als Revolution für die Frau angepriesen. Die Minipille steht jedoch bereits seit 1995 unter Verdacht, vermehrt Thrombosen auszulösen. Erst 2012 bestätigte sich dieser Verdacht, und französische Krankenkassen übernahmen die Kosten für diese Pille nicht mehr. Seitdem wird Ärzten geraten, sie nicht mehr als erste Wahl zu empfehlen, vor ihren Risiken zu warnen und andere Verhütungsmethoden vorzuschlagen. „Für Frauen ist die Pille der dritten oder vierten Generation mittlerweile nur noch sehr selten das erste Verhütungsmittel. Diejenigen, die immer noch diese Art von Pille nehmen, taten dies bereits vor der Krise und weisen keine Kontraindikationen auf. Trotzdem sind sie sich der Gefahren bewusst. Doch infolge der Krise werden junge Frauen häufiger Verhütungsmittel vorgeschlagen, die von den Kassen erstattet werden. Hormonpflaster und Verhütungsringe werden recht selten verschrieben“, so Laurence Granse.

Rückgang der Verkaufszahlen um 60 %

Laut Angaben des französischen Instituts für Arzneimittel und Medizinprodukte ist von 2013 bis 2014 der Verkauf von Pillen der dritten und vierten Generation um 60 % zurückgegangen. Größerer Beliebtheit erfreuen sich dafür Verhütungsmittel wie die Spirale (hormonfrei oder hormonhaltig), Hormonpflaster, Verhütungsring, Verhütungsstäbchen und sogenannte natürliche Methoden wie etwa die Berechnung des Menstruationszyklus. Außerdem wuchs der Absatz von Pillen der ersten und zweiten Generation um 34 %. Ein wahrer Glücksfall für die Pharmaunternehmen, die diese Pillen vertreiben, denn auf dem Markt sind nur ein Präparat der ersten und sechs Präparate der zweiten Generation zugelassen. Die Entwicklung im Bereich der Verhütung ist nicht nur von gesellschaftlichem, sondern auch von wirtschaftlichem Interesse. So nutzen etwa 97 % der Frauen im gebärfähigen Alter Kontrazeptiva. Ein großer Markt, der auch die Entwicklungstätigkeit der Pharmaunternehmen vorantreibt.

Ist Verhütung Frauensache?

Viele Menschen denken bis heute, Verhütung sei vor allem Frauensache. Dabei ist das Kondom vielleicht bald nur noch eine von mehreren Möglichkeiten, die Männern zur Verfügung stehen. 2010 lief die Testphase für eine Pille für den Mann. Sie verhindert das Eindringen der Spermien in die Eizelle, soll ebenso wirkungsvoll sein wie die herkömmliche Pille und hätte weniger weitreichende Folgen als eine Sterilisation, da sie wieder abgesetzt werden kann. Doch es herrscht große Unsicherheit und das Thema wird tabuisiert. Viele Männer sind wenig begeistert von der Vorstellung, ihre Spermien auch nur für begrenzte Zeit außer Gefecht zu setzen. Laut Umfragen des französischen Meinungsforschungsinstituts CSA aus dem Jahr 2012 wären 61 % der französischen Männer bereit, eine Pille zur Verhütung zu nehmen.
Eine andere vielversprechende, reversible Methode könnte 2017 unter dem Namen „Vasalgel“ auf den Markt kommen. Hierbei handelt es sich um ein Kunststoffgel, das in den Samenleiter injiziert wird und die Spermien unbeweglich macht. Die Methode wurde von der Parsemus Foundation in 15-jähriger Forschungsarbeit entwickelt und soll 2015 am Menschen getestet werden. Die Injektion wäre einmalig und schmerzfrei. Sollte später der Wunsch entstehen, Vater zu werden, kann man sich beim Arzt durch Injektion einer „Reinigungssubstanz“ das Gel entfernen lassen. „Männliche Verhütung wird so gut wie nicht praktiziert, unsere Kunden sind vor allem Frauen. Es gibt zwar bereits Verhütungsmittel für Männer, doch sie werden selten angeboten und die Nachfrage ist gering“, so Laurence Granse. Denn das größte Hindernis für männliche Verhütung ist immer noch die überhöhte Vorstellung von der männlichen Fruchtbarkeit. Viele Männer haben Angst, mit ihrem Zeugungsvermögen auch ihre Virilität zu verlieren.

Camille Carlier