Was kognitive Tests mit dem Einparken zu tun haben

Frauen können nicht einparken und Männer nicht zuhören – diese Geschlechterklischees werden angeblich durch Ergebnisse aus kognitiven Tests bestätigt. Aber nicht nur biologische, sondern auch soziale und psychologische Faktoren bestimmen die Testergebnisse.

 

Kognitive Tests

Es gibt verschiedene wissenschaftliche Tests, um die kognitiven Fähigkeiten von Frauen und Männern zu testen. Dabei wird das räumliche Vorstellungsvermögen, die Spracherkenntnis, die Wahrnehmungsgeschwindigkeit sowie motorische und mathematische Fähigkeiten getestet. Männer schneiden meistens bei räumlichen Aufgaben besser ab, während Frauen in verbaler Kreativität und Wahrnehmungsgeschwindigkeit bessere Ergebnisse erzielen. Die größten Geschlechterunterschiede treten bei dem mentalen Rotationstest auf. Bei diesem schneiden Frauen generell schlechter ab. Die Probanden müssen bei dem Test dreidimensionale Würfelfiguren unter Zeitdruck im Geiste drehen und miteinander vergleichen. Zahlreiche Bücher, Artikel und auch die Dokumentation "Typisch Mann, typisch Frau - Wie Gehirne funktionieren“ leiten aus dem Test Geschlechterunterschiede ab. Die Ergebnisse werden von zahlreichen Faktoren beeinflusst.

Die Umwelt beeinflusst die Hormone

Hormone beeinflussen das Verhalten und die Entwicklung des Gehirns, insbesondere Sexualhormone. Für die schlechten Testergebnisse der Frauen im mentalen Rotationstest ist angeblich das Hormon Testosteron verantwortlich. Frauen mit hohem Testosteronspiegel schneiden bei dem Test besser ab als Frauen mit niedrigem Testosteronspiegel. Umgekehrt schneiden aber Männer mit niedrigem Testosteronspiegel besser ab als Männer mit hohem Testosteronspiegel. Auch der weibliche Zyklus wirkt sich auf die kognitiven Fähigkeiten aus. Während der Menstruation, wenn der Östragiol-Spiegel niedrig ist, erzielen Frauen für gewöhnlich bessere Ergebnisse beim mentalen Rotationstest. Wenn der Östragiol-Spiegel hoch ist, haben sie eine stärkere kognitive Kontrolle und sind weniger anfällig für Störfaktoren. Aber nicht nur Frauen haben Hormonschwankungen, auch der Sexualhormonspiegel der Männer unterliegt natürlichen Schwankungen. Im Frühling ist der Testosteronspiegel niedriger als im Herbst und morgens höher als abends. Trotzdem lassen sich die Testergebnisse nicht nur durch Hormoneinflüsse erklären. „Auch Hormone werden von der Umwelt beeinflusst“, sagt Sigrid Schmitz, Biologin und Wissenschaftlerin im Bereich Genderforschung.

Geschlechterrollen und Stereotype

Neben den biologischen Faktoren gibt es auch andere Ursachen für die Leistungen der Versuchsteilnehmer bei Tests zur räumlichen Wahrnehmung. Die jeweilige Testsituation hat einen wesentlichen Einfluss darauf, wie eine Person in einem kognitiven Test abschneidet. Ein Problem scheint der Zeitdruck zu sein. Gab man den Testpersonen kein Zeitlimit, verringerte sich der Geschlechtsunterschied.

Untersuchungen zeigen außerdem, dass eine Person sich stärker anstrengt, eine bestimmte kognitive Aufgabe zu lösen, wenn damit Funktionen getestet werden, die mit der eigenen Geschlechterrolle zu tun haben. Wenn man weiblichen Personen Glauben machte, dass der Test ein Empathie-Maß ist, schnitten sie deutlich besser ab. 

Der Biopsychologe Markus Hausmann hat den Zusammenhang zwischen der kognitiven Leistung und Geschlechtsstereotypen getestet. Er teilte die Versuchspersonen zufällig in Gruppen auf. Eine Gruppe bearbeitete einen Fragebogen, der Geschlechterstereotype abbildete, die andere erhielt einen geschlechtsneutralen Fragebogen. Bei der Gruppe, die den Fragebogen mit Geschlechtsstereotypen bearbeitet hatte, schnitten Männer deutlich besser ab. Sie zeigten nach der Aktivierung des Stereotyps einen um 100 Prozent erhöhten Testosteronspiegel. Hausmanns Forschungen ergaben, dass Frauen viel anfälliger für Geschlechtervorurteile sind. Wenn man ihnen vorher sagte, dass sie einen Test bearbeiteten, in dem Frauen schlecht abschneiden, dann schnitten sie auch schlechter ab. Wenn man ihnen aber sagte, es ginge darum, Europäer mit Nordamerikanern zu vergleichen, war der Unterschied deutlich kleiner. Die Männer hingegen störte es weniger, wenn man ihnen vorher sagte, dass Männer in dem vorliegenden Test generell schlechte Ergebnisse erzielen.

Ein weitere Faktor ist das Selbstvertrauen. Frauen sind meistens weniger selbstsicher, eine bestimmte Aufgabe im Mentalen Rotationstest richtig gelöst zu haben als Männer. Je niedriger ihr Selbstvertrauen ist, desto niedriger ist auch die Punktzahl.

Der Sozialpsychologe Paul Davies von der University of California in Los Angeles fand heraus, dass Probandinnen, denen vor dem Test klischeebehaftete Werbefilme gezeigt wurden, in denen etwa Frauen Putzmittel oder Backmischungen anpreisen, anschließend schlechtere Mathematikleistungen vollbrachten. Ähnliches geschah, wenn man weiblichen Testpersonen vorher sagte, ihre Leistungen würden mit denen von Männern verglichen werden. Davies bezeichnet diesen Effekt als „stereotype threat“. Interessanterweise gab es keine Leistungsunterschiede, wenn man die Versuchspersonen vorher über das Phänomen des „stereotype threat“ informierte.

Was hat das Figurendrehen mit dem Einparken zu tun?

Die in der Forschung durchgeführten psychologischen Tests messen spezifische kognitive Fähigkeiten. Sie haben mit der Lösung von Alltagsproblemen wenig zu tun, da man für diese meistens eine Kombination aus verschiedenen Fähigkeiten benötigt. Dass Frauen bei bestimmten Aufgaben zum räumlichen Vorstellungsvermögen schlechter abschneiden, heißt nicht, dass sie schlecht einparken können. Das Einparken erfordert weitaus mehr mentale Prozesse als ausschließlich das räumliche Vorstellungsvermögen, wie zum Beispiel manuelles Geschick sowie eine hohe Wahrnehmungsgeschwindigkeit – Fähigkeiten, in denen Frauen durchschnittlich besser abschneiden als Männer. Die Häufigkeit des Parkens und die Vertrautheit mit dem Fahrzeugtyp sind weitere Faktoren, die eine Rolle spielen. Außerdem beziehen sich die Ergebnisse der kognitiven Tests immer auf die durchschnittliche Leistung der Geschlechter. Das Verhalten eines Individuums nur aufgrund des Geschlechts vorauszusagen, ist unmöglich.

Die Komplexität des Gehirns

Das Gehirn ist ein hochkomplexes Organ und individuell sehr verschieden. „Man kann eigentlich nicht sagen, dass es ein Männergehirn und ein Frauengehirn gibt. Die Unterschiede innerhalb der Geschlechter sind viel größer als die zwischen Mann und Frau“, sagt Sigrid Schmitz. Schmitz betont die Bedeutung der Gehirnplastizität in der Geschlechterforschung, also die Prägung der Gehirnstruktur durch Erfahrungen, Lernprozesse und individuelles Handeln. Auch die Ergebnisse des mentalen Rotationstest ändern sich durch Training und hängen von vielen Einflüssen ab. Aus den Forschungsergebnissen naturgegebene Geschlechterunterschiede abzuleiten ist eher schädlich, denn dadurch werden Stereotype verstärkt. Stattdessen sollte eher die Vielfalt der verschiedenen Faktoren betrachtet werden, die auf das Gehirn einwirken, sei es nun männlich oder weiblich.

Artikel von Sophia Boddenberg