Tierische Gefühle

Können sich Tiere in andere Tiere oder Menschen hineinversetzen? Sind sie in der Lage, Mitgefühl auszudrücken, fühlen sie Neid oder Eifersucht? Zahlreiche neue Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung deuten darauf hin, dass Tiere zu weitaus komplexeren Gefühlen fähig sind als bisher angenommen.

Kooperation statt Konkurrenz

Kooperation ist neben Konkurrenzverhalten eine der wichtigsten Strategien tierischen Sozialverhaltens. „Man kooperiert, wenn man davon einen Gewinn hat, den man allein nicht hätte“, erklärt Frans de Waal, Verhaltensbiologe und Leiter des Living-Links-Centers an der Emory University. Bereits das Zusammenleben in einer schützenden Herde setzt eine einfache Form der Kooperation voraus. Die einzelnen Tiere müssen die Fähigkeiten und Bedürfnisse der anderen einschätzen und ihr Verhalten mit ihnen synchronisieren. Bei manchen Tierarten geht die Kooperation über diese Grundform des Zusammenlebens hinaus. Sie helfen sich untereinander und teilen ihr Futter. Ein Beispiel hierfür sind die Krallen- oder Weißbüscheläffchen. In einem Experiment am Anthropologischen Institut der Universität Zürich mussten mehrere Äffchen gemeinsam an einer Plattform ziehen, um in den Genuss eines Wurms zu kommen. Die Äffchen bewiesen Gespür für Teamwork - und halfen sich sogar dann, wenn sie selber leer ausgingen - ein Veralten, das man unter Menschen als uneigennützig interpretieren würde.

Wie Tiere fühlen
Kooperation und Unterstützung bei Affen Kooperation und Unterstützung bei Affen Kooperation und Unterstützung bei Affen
Wie Tiere fühlen

Selbstloses Verhalten

Mit einem Versuch an der University of Chicago konnte Neurobiologin Peggy Mason aufzeigen, dass auch Ratten bereit sind, Artgenossen zu helfen – sogar wenn sie selbst keinen Gewinn daraus ziehen! In Masons Versuchsaufbau konnte sich eine Ratte frei in einem Raum bewegen, während sich eine zweite Ratte in einem durchsichtigen Behälter in der Mitte des Raums befand. Dieser Käfig ließ sich nur von außen öffnen. Obwohl sie von Natur aus eher ängstlich ist, versuchte die freie Ratte, ihre Artgenossin zu befreien. In einem weiteren Versuch befand sich neben dem Behälter mit der Ratte ein zweiter mit Schokoflocken. Die freie Ratte entschied sich, zunächst ihre Artgenossin zu befreien und dann die Schokoflocken mit ihr zu teilen.
Auch Fledermäuse zeigen altruistisches Verhalten - und beweisen Sinn für Gerechtigkeit: Der Biologe Gerald Carter vom Smithsonian Tropical Research Institute in Panama konnte beobachten, dass weibliche Vampirfledermäuse einen Teil ihrer Blutmahlzeit herauswürgen, um mit Artgenossen zu teilen, die in der Nacht zuvor kein Essen gefunden haben. Die Bereitschaft zu teilen, war besonders ausgeprägt gegenüber Tieren, die ihrerseits zum Teilen bereit waren. Mehr zum "Netten Vampir" in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung.

Freundschaften unter Tieren

Videos zu ungewöhnlichen Tierfreundschaften füllen mittlerweile ganze Youtubechannels. Wie und warum sie zustandekommen, bleibt häufig rätselhaft. Fest steht: Bei vielen Tierarten ist selbstloses Verhalten und Kooperation besonders dann anzutreffen, wenn sich die Tiere gut kennen. Pferde, Esel, Schafe, Affen, auch Delfine und Fledermäuse scheinen regelrechte "Freundschaften" einzugehen. Forscher der Universitäten Atlanta und Utrecht konnten kürzlich aufzeigen, dass befreundete Präriewühlmäuse intensive Fellpflege betreiben, um Stress zu bewältigen. Und wie eine echte Raben-Freundschaft aussieht, erklärt Verhaltensforscher Dr. Thomas Bugnyar von der Universität Wien im YouTube-Kanal "Jahr der Forschung":

 


Neid und Eifersucht

Eine Studie in Kalifornien hat aufgezeigt, was viele Hundebesitzer schon lange ahnten: Auch Hunde können eifersüchtig reagieren, zum Beispiel wenn sich ihr Besitzer anderen Hunden zuwendet. Manche Tiere zeigen ein Gerechtigkeitsempfinden, das dem von uns Menschen ähnelt. In einem Experiment mit Kapuzineräffchen bekam ein Affe Gurken zur Belohnung, während ein zweiter in einem Nachbarkäfig abwechselnd mit Gurke und Trauben gefüttert wurde. Nach kurzer Zeit fühlte sich der erste Affe benachteiligt, geriet in Wut und verweigerte die Mitarbeit.

Wie Tiere fühlen
Merken Tiere, wenn es ungerecht zugeht und wie reagieren sie darauf? Kapuzineräffchen zeigen ein Gerechtigkeitsempfinden, das dem von uns Menschen ähnelt. Merken Tiere, wenn es ungerecht zugeht und wie reagieren sie darauf?
Wie Tiere fühlen

Haben Tiere ein Gespür für menschliche Mimik?

In Experimenten mit Hunden an der Eötvös Lorand Universität zeigte sich, dass der „beste Freund des Menschen“ unsere Mimik lesen und richtig interpretieren kann. In einem Versuch wurden den Hunden von ihren Besitzern zwei identische Plastikflaschen präsentiert, die erste begleitet von einem angewiderten, die zweite von einem begeisterten Gesichtsausdruck. Als die Hunde aufgefordert wurden, eine Flasche zu bringen, entschieden sie sich immer für die positiv präsentierte Flasche. Auch Schweine wählten in einem Experiment der Tierärztin Marianne Wondrak aus mehreren auf einem Bildschirm abgebildeten Gesichtern das freundlich schauende aus, um Futter zu bekommen.

Auch Tiere trauern um ihre Toten

Untersuchungen der modernen Verhaltensbiologie deuten darauf hin, "dass Tiere so intensiv wie Menschen leiden können, wenn nahestehende Artgenossen sterben".  Bei Pavianen, Schimpansen und Elefanten wurden zum Teil individuell unterschiedliche Abschiedsrituale und Formen der Trauerbewältigung beobachtet. Ob Trauer bei Tieren ein rein egozentrisches Gefühl ist oder mit der Einsicht verbunden, ein Familienmitglied oder einen Freund unwiederbringlich verloren zu haben, darüber sind die Forscher nach wie vor uneins. Mehr dazu in einem Artikel der Welt.