Zivile Drohnen: Zukunftsmusik

Seit einigen Monaten erleben wir eine regelrechte Drohneninvasion. Die unbemannten Flugobjekte ähneln meist kleinen, vierrotorigen Helikoptern und bestehen fast ausschließlich aus Carbon. Es gibt sie in allen Farben, Formen und Preiskategorien: Die Spanne reicht vom französischen Verkaufsschlager, der AR Drone de Parrot,die sich bisher mehrere Millionen Mal verkauft hat, bis zu technologiestrotzenden Exemplaren für mehrere Hundert Millionen Euro.


Die ferngesteuerten Fluggeräte, die ihren Weg dank eines GPS-Moduls auch automatisch finden können, üben eine besondere Faszination aus. Sie sind ein Stück Realität gewordene Science-Fiction, denn noch vor wenigen Jahren beflügelten autonome Flugobjekte die Fantasie der Menschen nur in Romanen, zum Beispiel von Sci-Fi-Autor Philip K. Dick.

Mittlerweile sind Drohnen zum Spielzeug nerdiger Jugendlicher geworden, stehen aber zugleich für eine verheißungsvolle Zukunft. Eine Zukunft, in die vor allem die Jünger des Do it yourself ihre Hoffnungen setzen: Bei den Makern glaubt man fest an ein Morgen im Zeichen der Drohne. Zum Beispiel Chris Anderson: Der ehemalige Chefredakteur des bekannten und angesehenen Magazins WIRED hat vor zwei Jahren seinen Job aufgegeben, um 3D-Drucker zur Drohnenherstellung zu entwickeln. Sein Unternehmen 3D Robotics ermöglicht es Drohnen-Fans, ihre eigenen Flugobjekte zu entwerfen und in 3D zu drucken. „Nachdem es uns gelungen ist, die Geräte zum Fliegen zu bringen, müssen wir jetzt eine Verwendung dafür finden. Die Anwendungsmöglichkeiten sind unbegrenzt", jubelt er auf der amerikanischen Webseite Gigaom.
 

Strenge Regelungen

Tatsächlich werden Drohnen nicht nur im Rahmen von Militäroperationen eingesetzt. Ihre Zukunft liegt vor allem in der zivilen und kommerziellen Nutzung: Unbewaffnet und in kleinerer Ausführung können sie für alle möglichen Aufgaben verwendet werden. Gegenwärtig können Drohnen allerdings auch für zivile Zwecke nicht von jedermann ungestraft genutzt werden. Frankreich, das 2012 als erstes Land überhaupt seinen Luftraum für kommerzielle Anwendungen öffnete, hat hierzu strenge Regelungen erlassen. Dennoch registriert die Polizei immer häufiger Verstöße und illegale Drohnenflüge, vor allem über Paris. Die Vermehrung der Drohnen im Luftraum kann sich problematisch erweisen, indem sie das Risiko eines (Unfall- oder Terror-) Zusammenstoßen mit einem "traditionnellen" Flieger größer wird. 


Frankreich, das Land der Drohnenentwickler

Immer mehr überraschende, aber realisierbare Anwendungen werden für Drohnen entwickelt. Die meisten Unternehmen, die sich auf diese Entwicklung spezialisiert haben, befinden sich in Frankreich: Seit 2011 sind in Frankreich knapp auf den Markt gedrängt. In diesem Sektor mit hohem technologischem Potenzial ist Frankreich federführend. Im vergangenen Juni wurde sogar der erste Berufsverband für zivile Drohnenbauer gegründet, die Fédération professionnelle du drone civil (FPDC).

Mit der richtigen Technologie können Drohnen in unterschiedlichsten Bereichen eingesetzt werden. So erklärt Frédéric Serre, CEO von Delta Drone, einem auf Drohnenbau spezialisierten Unternehmen, in unserer Sendung vom 1. Februar 2014, dass die wirkliche Innovation nicht die Drohnen sind: „In den 1990er Jahren war es weniger der Computer, der für den Menschen von Nutzen war, sondern vielmehr die Software, mit deren Hilfe er Aufgaben erledigen konnte, die ihm lästig waren. Das liegt bei der Drohne ganz ähnlich.

Ohne das entsprechende „Know-how“ sind Drohnen also nichts anderes als banale ferngesteuerte Flugzeuge. Erst durch ihre Ausrüstung mit Sensoren und ihre Verknüpfung mit modernster Software werden sie zu kleinen technischen Wunderwerken, die wesentlich günstiger und handlicher als Helikopter sind und vor allem deutlich präziser als Satelliten. 

 

Unterschiedlichste Anwendungen von der Landwirtschaft bis zur Lebensrettung

Ingenieure gehen davon aus, dass Drohnen vor allem für die Landwirtschaft von großem Nutzen sein können: Infrarotsensoren sind in der Lage, die Photosyntheseaktivität der angebauten Pflanzen mit großer Genauigkeit zu erfassen und so ihren Dünger- und Wasserbedarf zu ermitteln.

Was den Zivilschutz angeht, sind Drohnen ein wahrer Glücksfall: Ob bei Überschwemmungen, Umweltkatastrophen, Notrettungen im Gebirge oder zur See – Drohnen finden überall Verwendung. In Merignac im französischen Département Gironde arbeiten mit Unterstützung der lokalen Feuerwehr an neuen Sensoren, mit deren Hilfe die Brandbekämpfung erleichtert werden soll. Drohnen stehen hier rund um die Uhr für Feuerlöscheinsätze zur Verfügung und können sogar durch die Flammen hindurchfliegen, was Helikoptern nicht möglich ist. 

Heutzutage sind die meisten zivilen Drohnen auch mit 2D- oder 3D-Kameras ausgerüstet. Sie eignen sich besonders für die Kartierung unzugänglicher Regionen. Mit ihrer Hilfe lassen sich topografische Untersuchungen kostengünstig durchführen. Die Filmindustrie hat diese Technik bereits für sich entdeckt, um atemberaubende Kamerafahrten zu realisieren, wie zum Beispiel bei dieser Take Away Show von Phoenix, die für La Blogothèque gedreht wurde:

 

Die Medien setzen Drohnen mittlerweile für ihre Berichterstattung ein und rüsten ihre Redaktionen auf. In amerikanischen Journalistenschulen werden Studenten sogar in Drohnensteuerung ausgebildet. Erst kürzlich hat der Sender i>Télé die jüngsten Unwetterschäden im Département Var mithilfe einer Drohne gefilmt. 

 #Intempéries : survol des Alpes-Maritimes avec un drone i>TELE > http://t.co/DX5L11DgiL

— itele (@itele) 20 Janvier 2014

Drohnen können auch für Werbezwecke eingesetzt werden! Amazon-Gründer Jeff Bezos hat in einer Video-Botschaft verkündet, die größte e-Commerce-Plattform der Welt werde schon bald in der Lage sein, Waren mithilfe von Drohnen auszuliefern. In der Praxis ist die Auslieferung von Paketen durch Drohnen technisch bislang kaum realisierbar wenn nicht sogar unmöglich. Schon vor Amazon hatte die Fast-Food-Kette Domino’s Pizza versucht, ihre „Quattro Formaggi“ und andere Speisen durch Drohnen ausliefern zu lassen, wobei keine Gewähr dafür übernommen wurde, dass das Essen auch warm ankam.

 

 

Aspekte der Überwachungsgesellschaft

Eine der umstrittensten zivilen Anwendungsmöglichkeiten von Drohnen ist – für viele wenig überraschend – die Überwachung. Die französische Bahngesellschaft SNCF stellt bereits Überlegungen an, Drohnen für die Überwachung des Schienennetzes einzusetzen, um Vandalismus und Kabeldiebstahl zu verhindern. Auch die Polizei experimentiert mit Drohnen, um Einsatzorte vor dem Zugriff zu erkunden oder illegale Cannabis-Plantagen ausfindig zu machen. Die USA erwägen den Kauf mehrerer Tausend Drohnen zur Überwachung ihrer Außengrenzen. Manchmal sind es aber auch Zivilisten, die sich einen Spaß daraus machen, die Polizei mit Drohnen herauszufordern, wie im vergangenen Juni bei den Demonstrationen auf dem Istanbuler Taksim-Platz oder auch bei der Occupy-Wall-Street-Bewegung.

Trotz aller Faszination sind die Meinungen bezüglich der Drohnentechnologie geteilt. Neben der Unfallgefahr wird mit ihnen vor allem die Angst vor ständiger Überwachung verbunden. Die französische Datenschutzbehörde CNIL beginnt erst jetzt, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, während viele bereits den Überwachungsstaat kommen sehen, wie ihn Foucault schon 1975 in seinem Werk Überwachen und Strafen voraussah. Wenn man bedenkt, dass die kleinen Technikspielzeuge nicht nur in der Lage sind, Daten zu sammeln, sondern auch gehackt werden können, besteht durchaus Grund zur Sorge.

In den Vereinigten Staaten ist die Debatte schon ein ganzes Stück weiter und die American Civil Liberties Union (ACLU) hat die US-Behörden bereits zum Handeln aufgefordert:

"Es müssen Vorschriften erlassen werden, die sicherstellen, dass wir die Vorteile dieser neuen Technologie nutzen können, ohne uns zu einer ‚Überwachungsgesellschaft‘ zu entwickeln, in der jede unserer Handlungen von der Regierung beobachtet, verfolgt, aufgezeichnet und untersucht wird."

Für Europa wie für die USA geht es gegenwärtig vor allem darum, in Sachen Innovation und Forschung bei zivilen Drohnenanwendungen die Führungsrolle zu übernehmen, ohne das Privatleben und die Freiheiten des Einzelnen unnötig einzuschränken. Die kommerziellen Einsatzmöglichkeiten sind die Mühe allemal wert.