Alles in Butter, Zucker?

Sie sind Treibstoff für den Körper und zugleich verantwortlich für viele Zivilisationskrankheiten: Fett und Zucker. Doch wer von beiden ist der größere Übeltäter? Protokoll einer persönlichen Fehde zweier Dickmacher.

Es ist eine Frage, an der sich die Geister scheiden: Fett oder Zucker – was ist schädlicher? Für die westliche Gesellschaft bildet der Atlantik eine Art Fett-Zucker-Graben: In Europa – besonders in England – verteufelt man Fett als Dickmacher, die Supermärkte sind voll mit „Light“-Produkten. In den USA hingegen gilt Zucker als größtes Problem bei der Ernährung. Das ARTE Magazin bittet die beiden zum fiktiven Streitgespräch.

Zucker: Ich will dir ja nicht zu nahe treten, Fett, vielleicht ist es auch nur ein böses Gerücht, aber ich hörte, du bist in England der Staatsfeind Nummer eins. Weil du die Cholesterinwerte nach oben treibst, Arterien blockierst und schuld bist an Schlaganfällen und Herzinfarkten.

Fett: So ein Unsinn! Frag mal lieber in den USA nach, da bist du der Staatsfeind Nummer eins. Und ich finde, sie haben recht: Du machst die Menschen dick, bist schlecht für die Zähne und man munkelt, du seist ein Gift und eine Droge.

Zucker: Gift? Droge? Ich bitte dich! Ich bin in allem enthalten, was zu einer gesunden Ernährung gehört. Und nicht nur in Süßigkeiten, wie du jetzt wieder denkst, ohne die die Menschen, nebenbei bemerkt, auch nur halb so glücklich wären. Jedenfalls findest du mich auch in Brot und Obst. Schon mal den Begriff „Kohlenhydrate“ gehört? Oder „Fruktose“? Alles mein Gebiet. Aber du? Du bist nur in dem ganzen fetten Zeug drin, von dem die Menschen träge und schlapp werden.

Fett: Du bist es doch, der die Menschen dick macht. Fast zwei Drittel der Amerikaner sind übergewichtig, 30 Prozent sind fettsüchtig – weißt du, wie viel Zucker die dort essen? 58 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Mehr als doppelt so viel wie empfohlen!

Zucker: Das ist ja nicht mein Problem, sondern das der Menschen, die nicht Maß halten können, wenn ich im Spiel bin. Ich schmecke eben unwiderstehlich. Im Gegensatz zu dir.

Fett: Vergiss nicht, dass ich ein Geschmacksträger bin, ohne mich würden sehr viele Lebensmittel nach gar nichts schmecken. Außerdem gibt es einige Vitamine, wie etwa E, K, D und A, die der Körper ohne mich gar nicht aufnehmen könnte. Du hingegen giltst im Körper als Vitaminräuber.

Zucker: Klar, dass du schlecht informiert bist. Das wurde doch längst widerlegt: Der Körper benötigt zwar viel Vitamin B, um mich abzubauen, kann das
aber leicht ausgleichen. Er ist mir also wohlgesonnen. Und zwar, weil er mich braucht: Ohne mich kann kein Mensch denken, Glukose liefert dem Gehirn umgehend Energie, wenn der Mensch etwas Zuckerhaltiges isst. Dich kann das Gehirn hingegen nicht direkt in Energie umwandeln.

Fett: Ich bin eben eher der langfristige Typ, nicht so ein Schnellschuss wie du. Schau dir mal meine Energiedichte an: Neun Kalorien pro Gramm – bei dir sind es gerade mal vier Kalorien. Ich bin für Menschen, für Tiere, ja sogar für Pflanzen der wichtigste Energiespeicher. Ich schütze den Körper vor Kälte und bilde ein Schutzpolster für innere Organe und das Nervensystem.

Zucker: Dir ist schon klar, dass der Körper mich in genau so ein Polster-Fett umwandelt, wenn das Gewebe mehr Zucker bekommt, als es braucht?

Fett: Aber der Körper bräuchte dich ja nicht mal: Aus dir kann man zwar Fettpolster machen, aber umgekehrt kann der Körper auch aus all seinen Reserven selbst Glukose herstellen. Und der Typ für Reserven bin ich, wie du ja jetzt weißt.

Zucker: Ja, träge bist du und ein Langweiler. Im Gegensatz zu dir habe ich wenigstens eine gewisse Eleganz. Du wirst aus tierischem Gewebe gewonnen oder aus Samen, total proletarisch. Ich hingegen war lange Zeit ein Luxusgut, man nannte mich auch das weiße Gold.

Fett: Und du findest, dass es weniger proletarisch ist, aus Zuckerrohr und Zuckerrüben gewonnen zu werden als aus Tieren und Samen?

Zucker: Mach mal halblang, Freundchen! Immerhin bist du verderblich. Licht, Hitze, Luft, Wasser, das alles sorgt dafür, dass du ranzig wirst. Und ich? Ich habe kein Verfallsdatum. Ich bin ewig haltbar und fange ganz sicher nicht an zu stinken.

Fett: Dafür bist du in Wasser löslich. Ich widersetze mich dem, denn ich bin zäh. Und um noch mal auf dein Luxusgut-Argument zurückzukommen: Aus mir kann man Seife herstellen. Und Ölfarben. Und denk mal an Joseph Beuys …

Zucker: Ach, die brotlose Kunst. Die hilft dir auch nicht, wenn du mit dem Rad den Berg raufmusst. Da brauchst du nämlich vor allem eins: Zucker.

Fett: Und am Ende wirst du davon krank. Es gibt Studien, die belegen, dass man von dir ADHS bekommt. Und dass du das Wachstum von Krebsgeschwüren beschleunigst.

Zucker: Komm mir nicht wieder mit Studien,
die nicht bewiesen und mit Placebo-Experimenten widerlegt wurden! Reine Panikmache!

Fett: Aber du bist gefährlicher! Noch nie gehört, dass empfohlen wird, 60 bis 80 Gramm Fett am Tag zu sich zu nehmen, aber nur 30 bis 45 Gramm
Zucker? Bei dir muss man also wirklich aufpassen.

Zucker: Gefährlich, dass ich nicht lache! Ich habe kürzlich erst folgende Schlagzeile in der Zeitung gelesen: „Fett setzt Küche in Brand – zwei Verletzte.“
Glaub mir: Mit Zucker wäre das nicht passiert.

Nadja Schlüter für das ARTE Magazin  

 

ARTE PLUS

Zucker- und Fettsteuer:

In Frankreich und Ungarn schon Gesetz, fordern Experten und Verbände wie die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und die Deutsche Allianz gegen Nichtübertragbare Krankheiten (NCD Allianz) eine Zucker- und Fettsteuer auch in Deutschland. Demnach sollen besonders kalorienreiche Lebensmittel mit einem Mehrwertsteuersatz von 19 statt bisher sieben Prozent belegt werden. Vergleichbar den Strafsteuern auf Zigaretten oder Alkopops soll so der Konsum zucker- und fetthaltiger Lebensmittel  gesenkt werden – und damit die Zahl der Diabetiker, die in Deutschland bei sechs Millionen liegt.