Wie sollte die Politik reagieren? Interview mit Oliver Huizinga

"Schweres Übergewicht kostet unsere Volkswirtschaft 63 Milliarden Euro im Jahr - doch die Bundesregierung tut nicht, was dagegen getan werden müsste!“
 

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Oliver Huizinga beschäftigt sich bei foodwatch mit den Themen Zucker und Übergewicht. Er rät den Verbrauchern generell, mehr frisches Obst und Gemüse zu essen und auf Limonaden zu verzichten. Doch diese Ratschläge reichen nicht aus, um das Problem in den Griff zu bekommen. Auf politischer Ebene muss viel geschehen, erklärt der Experte im Gespräch mit Barbara Bouillon.

Wie kann das Problem Fettleibigkeit auf politischer Ebene gelöst werden?

Die Lebensmittelindustrie muss in ihre Schranken gewiesen werden. Die Industrie weiß: Kinder von heute sind die Kunden von morgen. Mit bunten Verpackungen spricht sie gezielt Kinder an und versucht, ihren Geschmack langfristig zu prägen. Die WHO und zahlreiche medizinische Fachgesellschaften fordern bereits, dass Marketing für Kinder eingeschränkt werden soll. Nur wirklich gesunde Produkte sollten an Kinder beworben werden dürfen. Obwohl die Fachleute so deutlich vor den Folgen warnen, sieht das Bundesernährungsministerium derzeit keinen Handlungsbedarf. Das Ministerium ist übrigens für Ernährung und auch Ernährungswirtschaft zuständig. Da liegt ganz klar ein Interessenskonflikt vor, den man nicht hinnehmen kann. Der Bundesernährungsminister möchte sich offensichtlich nicht mit der Lebensmittelindustrie anlegen. Das führt dazu, dass die Kinder in Deutschland nicht ausreichend geschützt werden.

Was muss außerdem getan werden?

Ein weiteres konkretes Problem ist das Schulessen in Deutschland. Es gibt Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, die aber unverbindlich sind – und nachweislich nicht eingehalten werden. Es gibt generell zu viel Fleisch, zu viel Zucker, zu wenig Obst und Gemüse für die Kinder. Die Bundesländer müssen verbindliche Standards festsetzen, an die sich die Großküchen und Caterer für Schulessen dann auch halten müssen.

Warum betreffen Ihre Änderungsvorschläge in erster Linie Kinder?

In den ersten Jahren ist eine gesunde und kindgerechte Ernährung sehr wichtig, da sie die Grundlage für lebenslange Essgewohnheiten legt. Aus diesem Grund versucht die Industrie, massiven Einfluss auf die Kinder auszuüben und sie auf unausgewogene Lebensmittel zu prägen, da mit solchen Produkten die größten Gewinne erzielt werden können. Mit Kindermarketing führt die Lebensmittelindustrie gezielt Konflikte herbei, z.B. an der Kasse, wenn die Eltern sowieso unter Stress sind und kein Interesse daran haben, dass das Kind quengelt.

Welche Rolle spielt Übergewicht in Deutschland?

Jeder zweite Erwachsene in Deutschland ist übergewichtig. Bei Kindern sind es bereits 15 Prozent, das sind 50 Prozent mehr als noch in den 1990er Jahren. Insbesondere starkes Übergewicht, Adipositas genannt, geht oft mit chronischen Krankheiten einher. Das Ausmaß des Problems wird an den Kosten klar, die dadurch für unsere Volkswirtschaft entstehen: Dr. Effertz von der Universität Hamburg hat errechnet, dass Adipositas genannt jährliche Kosten von 63 Milliarden Euro verursacht. Die Gewinne streichen die Konzerne ein, die Kosten tragen wir alle.

Was kann jeder Einzelne tun?

Die Bürger müssen dafür sorgen, dass die Politiker endlich ihre Aufgaben wahrnehmen. Wir können als Gesellschaft das politische Fehlverhalten nicht zuletzt aus Kostengründen nicht mehr hinnehmen. Man kann aber aktiv werden und sich zum Beispiel an Ernährungsminister Christian Schmidt wenden und ihn dazu aufrufen, Kindermarketing für unausgewogene Lebensmittel zu verbieten, so wie die WHO es fordert.

Das Interview führte Barbara Bouillon (Oktober 2015)


Weiterführende Informationen:

• Die WHO zur Beschränkung des Kindermarketings
• Die jüngste Veröffentlichung von foodwatch zum Thema Kindermarketing
Positionspapier der Deutschen Allianz Nicht Übertragbare Krankheiten (DANK)
• Buchempfehlung: Die volkswirtschaftlichen Kosten gefährlichen Konsums (Dr. Tobias Effertz, Universität Hamburg)